Aller Anfang ist schwer

1. Tag – 22.05.2006 von Aachen nach Meerssen (t'Geuldal)

Wie schon bei meinem letzten Urlaub entlang des Jakobsweges habe ich auch diesen „Kurztrip“ damit begonnen, zunächst einmal kurz nach Irland zu Jetten, um das Wochenende über Eric in Bray besucht hab. Diesmal bin ich von Charleroi aus und zum ersten Mal mit Ryanair geflogen. Hin war alles kein Problem, zurück hieß es warten, warten, warten, da ich fast alle Anschlüsse knapp verpasst habe. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich weiß nicht, ob ich letztens von einer neuen Art Tsetsefliege gebissen wurde, die noch unentdeckt hier in Europa heimisch geworden ist oder ob es am miserablen Wetter liegt. Auf alle Fälle komme ich die letzten Wochen überhaupt nicht aus dem Bett … gut rein komme ich auch nicht, aber daran wird’s doch wohl kaum liegen… Egal, auf jeden Fall hab ich den Montag verschlafen, und zwar so richtig! Als ich so gegen 12h dann doch aufgestanden bin, wollte ich auch so gar nicht los und es hat mich einige Überwindung gekostet, bis ich mich denn endlich dazu durchrang trotz des Wetterberichtes für die nächsten Tage los zu laufen. Um 13:45h stand ich am Anfang des Weges, sprich 300-400m von meiner Haustüre entfernt vor dem Aachener Dom. Diesmal habe ich es dafür geschafft, und mir auch von dort einen Stempel für den Pilgerpass geben lassen – war ja auch die letzte Chance, noch ein Jakobsweg beginnt dort nicht.

Etwas unter Zeitdruck, da ich eigentlich schon seit ca. 4 Stunden unterwegs hätte sein müssen, bin ich dann Richtung Niederlande losgezogen. Vom Dom aus geht es über die Maastrichter Straße Richtung Klinikum, den Weg kenne ich eigentlich recht gut, wohnt doch ein Freund in der Maastrichter Straße und früher wohnte eine Kommilitonin Melatener Straße, zum dem ich eigentlich hätte abbiegen müssen. Doch – offensichtlich noch nicht wirklich wach – schaffte ich es, mich das erste und (einzige) Mal mich zu verlaufen und das ausgerechnet in Aachen … Held! Hier, am Ende der Maastrichter Straße, erreichte ich denn auch schon das „Dach der Tour“, schließlich tragen die Niederlande ihren Namen zu Recht. Von jetzt an sollte es abwärts gehen.

Meine erste kurze Rast machte ich in Lemiers, wo ich zuvor die Grenze zum ersten Mal überquert habe. In einem winzigen Park setzte ich mich auf eine Parkbank und wurde sofort von einer ausgesprochen aufdringlichen Ente belagert, die mir meine Trockenwurst am liebsten aus der Hand gerissen hätte und ich dachte immer Enten wären Vegetarier. Der Vogel kam bis auf wenige Zentimeter (!) an mich heran und watschelte die ganze Pause lang fleißig vor mir auf und ab, in der Hoffnung doch noch etwas zu bekommen. Er ließ sich sogar von mir Filmen, was er eher mit Interesse als mit Skepsis beobachtete.

Mal so ganz nebenbei bemerkt: Lemiers finde ich übrigens ein ausgesprochen malerisches Nest.

Trotz dass ich in den Niederlanden war, ging es erstaunlich hügelig weiter. Sicher kein Vergleich zur nahegelegenen Eifel oder den Ardennen aber ich finde, man muss das relativ sehen. Anspruchsvoll war die Streckenführung jedoch keinesfalls. Im Gegenteil: viele Feldwege und kleine, ruhige Straßen.

Meine nächste Rast machte ich in Gulpen, wo ich in einem Cafe einen Kaffee und ein Mineralwasser bestellte. Diese Kombination wurde für den Rest des Weges die Kombination, wenn ich irgendwo Rast machte. Was mich in Gulpen stutzig machte war, dass alle Geschäfte geschlossen hatten. Ich überlegte schon, ob ich den Koniginnendag verpasst hatte, oder ob in meiner Abwesenheit in Irland mal wieder irgendwas Schlimmes irgendwo auf dieser Welt passiert war. War aber nicht. Wie ich später erfuhr, ist es in Holland nicht ungewöhnlich, dass viele Geschäfte es den deutschen Friseuren nachtun und Montags erst gar nicht öffnen.

Von Gulpen ging es weiter Richtung Meerssen. Nach einer dreiviertel Stunde erreichte ich die Weggabelung, an der ich entweder Richtung Maastricht weiterlaufen oder den kürzeren Weg gen Norden direkt nach Meerssen wählen konnte. Ich hatte bereits bei der Planung entschieden Maastricht auszulassen, um Zeit zu sparen. Schließlich wollte ich nicht weiter in Richtung Santiago sondern im Gegenteil: ich wollte den Jakobsweg schließlich rückwärts laufen.

Meine letzte Rast des Tages machte ich an einer Straßenkreuzung. "Straßenkreuzung" ist wohl nicht ganz richtig, vielmehr handelte es sich um einen Kreisverkehr. Auf der Fläche in der Mitte des Kreisels befand sich eine moderne Plasik. Während ich so mein Wasser trank und meine Vorräte futterte, kam ich zu der festen Überzeugung, dass diese vom ortsansässigen Zahnarzt gestiftet worden sein muss, wenn nicht sogar von einem Zahntechniker modeliert, der sich für einen verkappten Künstler hält. Anders kann ich mir die Form nicht erklären:

Kurz vor Meersen kam ich an die Geul, die ich bereits von früheren Wanderungen her kannte. Nur hier, ein ganzes Stück flussabwärts, ist sie schon erheblich stattlicher, als sie es noch in der Nähe von Aachen ist. Direkt am Fluss geht es durch ein kleines Naturschutzgebiet. Zu dem Zeitpunkt stand die Sonne schon recht tief und tauchte die Landschaft, den Wald und den Fluss in ein wirklich phantastisches Licht. Landschaftlich war das wohl die schönste Stelle der Wanderung, gut dass ich mich gegen Maastricht entschieden hatte.

Direkt hinter dem Naturschutzgebiet kommt man an einigen Hotelanlagen vorbei und der Weg führt eigentlich über die Geul nach Houthem, wo es sogar eine Pilgerherberge gibt. Da es aber schon nach 20:00h war und außerdem noch alles trocken war, entschied ich dem Flussverlauf zu einem Campingplatz zu folgen. Auf dem Platz hab ich denn auch mein Zelt aufschlagen können.

Direkt nach dem Zeltaufbau fing es denn auch an zu Regnen … da hab ich wohl noch einmal Glück gehabt. Nach dem Duschen hab ich mir noch einen roten Tee gekocht und Kartoffelpüree angemischt, der zusammen mit den letzten Trocken-Mini-Salamies mein Abendessen darstellte, meine Hoffnung, der Campingplatz hätte eine kleine Gaststätte angeschlossen erfüllte sich nämlich leider nicht.

Während meines Abendessens war es dunkel geworden und ich versorgte nur noch meine Füße, indem ich zwei Blasen mit Compeed verpflasterte und in den Rest reichlich Hirschtalg einmassierte. Die Schuhe waren wohl doch noch nicht eingelaufen, denn bei diesen beiden Blasen und einigen kleineren, denen ich keine weitere Beachtung schenkte, sollte es bleiben. In den Folgetagen kamen keine neuen hinzu und die, die ich an diesem ersten Tag erlaufen hatte, wurden auch nicht schlimmer. Danach schlüpfte ich in der festen Überzeugung, nach 30 km sofort vor Erschöpfung einschlafen zu können, in meinen Schlafsack. Doch da rächte sich das Verschlafen des Vormittags! Schließlich war ich noch keine 12 Stunden wach. Eingeschlafen bin ich erst gegen 2 Uhr nachts, was ausgesprochen ungewöhnlich ist, normalerweise schlafe ich beim Trekking immer sofort ein.

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