Dreiländertag

2. Tag – 23.05.2006 von Meerssen (t'Geuldal) nach Masseik (Leeuwerik)

Regen! Es gibt verschiedene Arten davon:

  • Es gibt Landregen, der bindfadenartig ohne Unterbrechung stundenlang, senkrecht aus einem grauen Himmel fallen kann.
  • Eine andere Form nenne ich Sturmregen. Der fällt nicht, sondern wird einem bevorzugt direkt waagerecht von vorne in dicken, eiskalten Tropfen ins Gesicht gepeitscht.
  • Regenschauer wiederum gehen häufig mit starkem Wind, einem plötzlichen Temperatursturz, tiefdunklen Wolken und einer gewissen Weltuntergangsstimmung einher. Sie unterscheiden sich vom Sturmregen, in der Windstärke und dadurch, dass sie sich gerne zu Gruppen zusammenfinden, sprich mehrfach hintereinander auftreten, zudem fallen sie denn für gewöhnlich doch von oben und kommen nicht von der Seite.
  • Nieselregen wiederum fällt zwar vom Himmel, ist jedoch fein genug, vom Winde verweht zu werden. Er kann stundenlang andauern und ist der erklärte Feind eines jeden Brillenträgers, da er die Brille sofort zu einer Art Milchglas verwandelt und man sich überlegen kann, ob man sie nun absetzt – und nichts sieht – oder sie aufbehält – und ebenfalls nichts erkennt.
  • Ein naher Verwandter ist der Fieselregen, der ist noch feiner als Niesel und von „fallen“ kann eigentlich nicht mehr die Rede sein. Vielmehr schweben die molekülgroßen Tropfen in der Luft und man sammelt sie auf, indem man durch sie hindurch läuft. Ein kurzer Gang über die Straße, oder der Weg zum nächsten Supermarkt reicht nicht aus, um die Kleidung auch nur klamm zu kriegen. Doch läuft man stunden durch diese Art kondensierten Nebel, kann Fieselregen alles durchdringen … ich glaube er ist fein genug sogar durch die Haut zu diffundieren.

Nur um einige aufzuzählen. Auf der Tour sollten sie mir alle begegnen.

An diesem zweiten Tag der Wanderung hatte ich es mit der letzteren Sorte zu tun. Er setzte dankenswerter Weise erst ein, nachdem ich mein Zelt abgebaut hatte, dafür begleitete er mich aber nach Mittag und wurde dann durch den Regenschauer abgelöst. Dankenswerter weise, hörte es am späten Nachmittag ganz auf und die Sonne ließ sich sogar blicken. So dass ich letzten Endes mein Zelt im Sonnenuntergang auf halbwegs trockenem Rasen aufbauen konnte, was ich morgens nicht für möglich gehalten hatte.

Nicht dass man mich falsch versteht, es gibt auch schöne Arten von Regen, wie beispielsweise:

  • Einen leichten Sommerregen, der warm auf die Haut fällt mit dem Versprechen kurze Zeit später von der Sonne wieder getrocknet zu werden. Manchmal beendet er seinen kurzen Aufenthalt sogar mit einem Regenbogen zu Abschied.
  • Ein klärendes Sommergewitter kann etwas wahrhaft erlösendes haben, wenn es eine schwüle Periode beendet und/oder die Luft reinigt.

Doch seien wir ehrlich, die meisten Formen von Regen versetzen einen über kurz oder lang in eine depressive Stimmung.

Nach nicht mal zwei Kilometern erreichte ich Meerssen und machte mich sogleich auf die Suche nach einer Art Cafe, wo ich frühstücken wollte. Es war – für meine Verhältnisse – noch richtig früh am Tag, noch nicht mal 10 Uhr. Entsprechend viel war auch in dem Städtchen los: nix. Sieht man mal davon ab, dass der Parkplatz vor der Kirche von einigen uniformierten Soldaten gesichert wurde und ein Mann mit einer großen Videokamera zwischen ihnen herumsprang und offensichtlich Aufnahmen fürs Fernsehen machte. Erwähnte ich schon mal, wie sehr mich Uniformen antörnen? Aber zu meinem Leidwesen wurde ich nicht gehindert die Kirche zu betreten, noch nicht mal eine Leibesvisitation war erforderlich. Da frage ich mich doch, wozu ich Steuern zahle.

In der Kirche gibt es eine Darstellung eines Wunders, dass sich hier vor Jahrhunderten abgespielt haben soll, dem so genannten Eucharistie-Wunder. So ganz habe ich nicht begriffen worum es geht, außer das irgend so ein Dorfpfarrer eine Hostie bei der Messe hat bluten sehen. Egal! Auf jeden Fall gibt es in der Kirche eine Skulptur (siehe Bild), die das Wunder darstellt. Ich hatte bereits in dem Wanderführer ein Foto davon gesehen und es nicht glauben wollen. Aber die Realität war noch schlimmer: so groß hatte ich mir die bunten, lackierten Männchen nicht vorgestellt.

Nachdem ich den Rest der ansonsten ganz ansehnlichen Kirche bewundert hatte, suchte ich vergeblich nach einem Cafe, fand jedoch schließlich eine Bäckerei, in der ich neben einem trockenen Brötchen und einem Käse-Schinken-Croissant auch einen Kaffe bekam. So gestärkt, begann die weiteste Etappe des Urlaubs.

Es ging leicht hügelig weiter über Feldwege und zunehmend auch über Straßen. Eine Mittagspause legte ich in Sittard ein, das ich erreichte, als der Fieselregen schon aufgehört hatte. Sittard wäre nach Beschreibung eine Etappe von Meerssen aus gewesen, aber ich wollte die gesamte Strecke ja in 6 Tagen und nicht in den vorgesehenen 8, also ging es weiter, nachdem ich auf dem Marktplatz ein Wasser und einen Kaffee getrunken hatte.

Zunächst führt der Weg Richtung Norden. In Miller geht es sogar für ca. 1 1/2 km durch Deutschland, danach weiter nach Nord-West durch die schmalste Stelle Limburgs, wo es wie ein Flaschenhals mit einem Durchmesser von nur rund 5 km zwischen Belgien und Deutschland verengt, bevor es sich dem niederländischen Hauptland öffnet. Mich führte der Weg jedoch zunächst einmal nach Belgien in die Grenzstadt Masseik.

Kurz vor Masseik ging es wieder einmal durch einen kleinen Naturpark, der auch einige Weiden beinhaltet. An einem Tor zu solch einer Weide hatte sich eine Herde schwarz-weißer Kühe auf meinem Trampelpfad versammelt. Die meisten von ihnen standen jenseits des Tores, eine jedoch hatte sich irgendwie auf die falsche Seite des Zaunes verirrt. Wie sie das geschafft hatte, kann ich nicht sagen. Helfen konnte ich ihn auch nicht: vor dem Tor war ein Gitter über dem Boden, das eben jenes davonlaufen verhindern sollte. Nun verhinderte es hingegen die Familienzusammenführung. Wenigstens nahm es mir der Rest der Verwandtschaft nicht krumm und ließ mich unbehelligt passieren.

In Masseik angekommen, hatte ich die 40 km Marke bereits überschritten und war bereit auch ein Hotelzimmer zu bezahlen. Die beiden Hotels an denen ich vorüberkam, waren jedoch angeblich ausgebucht. Ich kann mir kaum vorstellen, dass das an der Kirmes auf dem Marktplatz lag und der Feiertag war schließlich auch noch einen Tag entfernt. Aber was soll man machen. Ich zog also noch etwas weiter bis ich hinter 3 km hinter der Stadt zu einem Zeltplatz kam. Bevor ich allerdings den Eingang fand, bin ich noch ein wenig um den Zaun herumgeeiert. Als ich es dann doch bis zur Rezeption geschafft hatte, beschied mir die Dame des Platzes, dass er nur für Dauercamper wäre. Ich überlegte kurz, ob ich auf die Knie fallen solle, an ihre Menschlichkeit appellieren oder ob des Regens und des Weges ihr Mitgefühl ansprechen sollte. Allerdings schien sie mir für solch menschliche Gefühle und Mitleid einem armen Wanderer gegenüber unempfänglich zu sein. Also sah ich davon ab mich zum Affen zu machen und fragte sie lieber nach Alternativen. Die gab es auch, eine keine 50 m weiter auf der anderen Straßenseite.

Vor einem Bauerhof stand ein Schild, dass einen Platz für Zelter verhieß. Durch eine alte Scheune hindurch kam ich auf den Innenhof und schellte an der Türe. Eine ältere Frau machte mir auf, der ich mittels Zeichensprache verständlich machte, dass eine Person (ich) mit einem Zelt für eine Nacht bleiben wolle. Es ist erstaunlich wie weit man sich mit Händen und Füßen verständigen kann, wenn man keine Angst davor hat, dabei lächerlich zu wirken. Ich bekam meinen Zeltplatz, zu dem ich eine weitere Scheune durchqueren musste. Noch während ich das Zelt aufbaute, kam der Sohn vorbei, der Gott sei dank Englisch sprach.

Dem Anschein von der Straße zum Trotz war es der beste Zeltplatz der gesamten Tour: der Platz für Zelter war durch eine hohe Hecke von den Wohnwagen getrennt und die sanitären Einrichtungen waren so sauber, dass sich so manches 4 Sterne Hotel dahinter verstecken kann.

Einen letzten Wehrmutstropfen gab es dennoch an diesem Abend. Als ich meinen abendlichen Teekocht und das Wasser für eine Suppe erhitzt hatte, wurde mir klar, dass ich die falsche Gaskartusche eingepackt hatte. Viel mehr als noch einmal einen Topf Wasser würde ich mit der nicht mehr zum Kochen bringen. Sorgen bereitete mir das nicht, schließlich lief ich durch die Zivilisation, das würde ich doch bestimmt Nachschub bekommen können.

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