Grenzgänger – oder – es ist unglaublich wie lange man gerade aus gehen kann

4. Tag – 25.05.2006 von Roermond (Einde) nach Venlo

Die Nacht bin ich wieder schlecht eingeschlafen und entsprechend spät auch erst raus. Zu meinem Pech habe ich das Zelt diesmal nicht trocken verstaut bekommen. Der Zeltsack hielt jedoch dicht, so dass ich abends das Zelt zwar nass aufgebaut habe, jedoch alles andere, insbesondere der Schlafsack trocken geblieben ist.

Meine Hoffnung in Swalmen ein Frühstück zu bekommen, erfüllte sich nicht. Einzig eine Eisdiele war offen, und mich verlangte weder nach Softeis noch nach einem Satz Hörnchen als Brotersatz. Selbst Kaffee war nicht zu bekommen, offensichtlich passt Softeis nicht zu Eiskaffe. Ich befürchtete schon, dass ich diesen Feiertag (Christie Himmelfahrt) so ganz ohne Essen bis Venlo würde auskommen müssen. Dafür war die Strecke zwischen dem Zeltplatz und Swalmen recht malerisch, der Ort selbst hingegen war eine Enttäuschung. Achtung Wegänderung: zwischen Asselt und Swalmen! Es geht nicht gerade aus in den Ort hinein sondern kurz vor der Stadtgrenze biegt der Weg jetzt nach rechts ab und erst hinter dem Bahnhof quert man die Bahngleise und kommt so in den Ort.

Kurz vor dem Ortsausgang geht es nach rechts Richtung Wald, sobald man den Wald erreicht hat, kann man sich innerlich schon mal auf eine lange Strecke gerade aus einrichten, denn für mehr als 10 km wird das die Richtung sein, die man einhält, sieht man von zwei leichten Korrekturen Richtung Norden (links) ab.

Der Weg führt direkt an der deutsch-niederländischen Grenze zwischen Feldern in Limburg und einem Wald am Niederrhein. Die Grenze wird durch einen elektrischen Zaun gesichert, der jedoch regelmäßig unterbrochen wird, um Waldwege aus Deutschland nach Holland durchzulassen. Wen man damit aufhalten will, ist mir nicht so wirklich klar, aber vielleicht reichen heruntergelassene Schlagbäume 5 m hinter dem Durchgang ja, um holländische Hooligans daran zu hindern zur WM nach Deutschland die grüne Grenze zu überqueren.

Wer übrigens lieber durch den Wald laufen möchte, kann statt dem Jakobsweg zu folgen zwischen Swalmen und der Gaststätte De Grenz – jaja, ich fand den Namen auch nicht besonders einfallsreich – dem Pieterpad folgen. Einem Pilgerweg, der bei den Niederländern offensichtlich sehr beliebt ist und von Norden kommend (Venlo, Nimwegen?) nach Maastricht führt. Der Pieterpad folgt nicht der Grenzlinie sondern verläuft etwas im Zickzack durch den Wald in Deutschland und kommt Südlich von Swalmen aus, anstatt wie der Jakobsweg im Norden des Ortes.

In besagter Raststätte machte ich halt. Draußen saß eine größere Gruppe Holländer mit Rucksäcken und Wanderschuhen, einer hatte sogar den gleichen Rucksack, den ich auch habe. Wir kamen kurz ins Gespräch. Sie wanderten den Pieterspad über die Feiertage. Sie kamen aus Venlo und wollten bis Swalmen, also in etwa meine Strecke nur in Gegenrichtung. Wir verglichen den Streckenverlauf und meckerten etwas über das Wetter – schon den ganzen Tag Nieselregen. Anders als sie setzte ich mich lieber nach innen, in der Hoffnung ein wenig aufzuwärmen. Da es mittlerweile nach 1 Uhr war, wollte ich auch kein Frühstück bestellen. Ich entschied mich für die „Hausplatte“, auf holländisch hieß sie „12 u…“, ob das für „12 Köstlichkeiten“ steht und die niederländische Varianten des beliebten chinesischen Gerichtes ist, weiß ich nicht, ausgesehen hat es auf alle Fälle so:

Holländische „12 Köstlichkeiten“:

  1. Senf
  2. Brot
  3. Schinken
  4. Butter
  5. Käse
  6. Salat
  7. Nudeln
  8. Mayonnaise
  9. Tomate
  10. Mörenstreifen
  11. Petersilie
  12. Fleischkrokette

… kommt hin. Im Lokal wurde ich von einer Frau angesprochen, ob ich nicht etwas in ein Buch eintragen wolle. Sie böte das allen Pilgern des Pieterpads an, es wäre jedoch (bislang) nur auf Holländisch. Ich erklärte, dass ich weder den Pieterpad laufe noch Niederländisch könne. Es war ihr jedoch egal und sie überließ es mir, etwas einzutragen. Also schrieb ich einige Zeilen auf Englisch rein, bemerkte jedoch, dass ich auf dem JW wäre.

Die nächsten Kilometer gingen durch den Wald auf deutscher Seite der Grenze, bevor es 90° nach rechts Richtung Steyl geht. Achtung Wegänderung: weder der im Buch verzeichnete Weg noch die Alternativroute existieren zurzeit. Durch den Autobahnbau kann die Unterführung (aktueller Weg) noch die Brücke (alternativer Weg) erreicht werden. Zur Unterführung der Weg ist durch die Bauarbeiten nicht mehr existent und die Brücke ist noch im Bau! Statt dessen geht man vor der Baustelle ca. 1 km nach rechts, dann kommt man an die Schnellstraße und kann sie auch überqueren. Jetzt entweder Steyl auslassen oder zurücklaufen. Achtung Karten: beide Karten, die ich hatte (Buch + niederländische Wanderkarte), geben die Straßen vor Steijl nicht mehr korrekt wieder, es ist wohl wegen der Autobahn viel geändert worden. Der Kreisverkehr den man, nachdem man rund einen Kilometer zurückgelaufen ist, ist auf den Karten nicht verzeichnet. Am Kreisverkehr rechts geht es Richtung Steijl.

Von diesem unvorhergesehenen Umweg kombiniert mit einem zermürbenden Dauernieselregen angepampt erreichte ich Steijl. Ich hatte mich dagegen entschieden, direkt Richtung Venlo weiter zu laufen, was zwar einige Kilometer kürzer gewesen wäre, doch Steijl wollte ich nicht auslassen. Schließlich war Arnold Janssen so etwas wie ein ehemaliger Mitschüler – wir hatten uns in Gaesdonck nur um einige Jahrzehnte verpasst. Auf einen Stempel aus Steijl wollte ich also auf keinen Fall verzichten.

Steijl selbst ist ein winziges Dorf in dessen Zentrum Arnold Janssen steht, alles scheint sich um ihn zu drehen: zwei Klöster, ein Priesterhaus, eine Kirche mit seinem Sarg. Viel mehr ist dort auch schon nicht mehr los.

Anders als im Reiseführer behauptet, befindet sich der Sarg des hl. Arnold Janssen übrigens nicht in einer (der) Klosterkirche, sondern in der, die zum Missionshaus gehört. Die Kirche ist ausgesprochen modern eingerichtet. Doch zusammen mit einem sehr warmen Licht im Altarraum fand ich sie äußert geschmackvoll und nicht wie viele andere moderne Kirchen eher peinlich.

Im Priesterhaus bekam ich denn auch meinen Stempel. Genau genommen sogar gleich zwei, der Pförtner hat sich beim ersten nämlich vertan und den der Außenstelle in Nettetal genommen. Für bei gilt allerdings: so geschmackvoll auch die Kirche, so langweilig die Stempel. Im Missionshaus fand gerade ein Seminar statt und ich unterhielt mich kurz mit einem der Teilnehmer, bevor es weiter Richtung Venlo ging.

Die restliche Strecke des Tages ging ausschließlich über Asphalt und ich bemerkte ein Problem, dass ich noch nie zuvor gehabt hatte: mein rechtes Knie fing an zu Schmerzen. Ich vermute, es lang an dem ganzen Asphalt, normalerweise laufe ich auf Feld-, Wald- und Wiesenwegen, was für die Gelenke erheblich besser ist. Allerdings sollte das Knieproblem nicht so schlimm werden, dass es mich an der weiteren Wanderung stören würde. Es war ehr lästig als wirklich schmerzhaft. Nur Treppen, wie ich später merken sollte, würden wirklich ätzend werden.

Bis Venlo ging es an der Maas entlang und kurz vor der Stadt hörte es auf zu Regnen, sogar die Sonne kam heraus. In Venlo auf dem Marktplatz gönnte ich mir noch einen Kaffee und ein Wasser, um die Entscheidung herauszuzögern, ob ich von hier an schon dem Herrenhauspfad der Karte oder noch ein Stück weiter dem Jakobsweg folgen solle. Mir wurde die Entscheidung abgenommen, da ich mich in Venlo leicht verlaufen habe und eher auf dem Herrenhauspfad (Wanderkarte Kosmos vom linken Niederrhein) auskam.

Weiter ging es aus Venlo hinaus. Auf der Karte waren drei Campingplätze verzeichnet: den ersten (noch in Venlo) gibt es nicht mehr, der zweite liegt so versteckt, dass man ihn nicht findet und selbst wenn, er ist nur für Dauercamper, der dritte schließlich war auch für Zelter offen. Kurz bevor ich den Platz erreichte, kam mir die Freiheitsstatur entgegen … offensichtlich auf auf Urlaub.

Ich kam auf den Platz und die umbauten Wohnwagen verhießen nichts Gutes. Der Eindruck verstärkte sich, als ich an der geschlossenen Rezeption vorbei in die angeschlossene „Gaststätte“ ging: ich betrat den Raum, alle Gespräche verstummten und man sah mich an, als hätte ich ein „Idiot“ auf die Stirn tätowiert, dabei war ich wahrscheinlich der einzige im Raum, der nicht tätowiert war, außer den Kindern unter 12 … vielleicht. Meine Bitte um einen Zeltplatz brachte die Pächterin in Bedrängnis, sie diskutierte wild mit anderen, was man da machen könne. Ich war bereit zu betteln, denn der nächste Campingplatz war über 6 km entfernt und ich wollte keinen Schritt mehr weiter. Gott sei Dank, blieb mir die Peinlichkeit erspart. Sie wies mir den Rasen vor einer Blockhütte am Eingang zu. Kosten 10 Euro inkl. Dusche und damit war es der teuerste Campingplatz der Reise, obendrein der prolligste und lustigste.

Ich baute mein Zelt im Sonnenschein auf, aß noch schnell eine Frikandel mit Pommes (was anderes gab es nicht und sie wollte die Küche auch gerade schließen) und ging duschen.

Danach begab ich mich todesmutig wieder in die Gaststätte, bestellt ein Bier und machte meine Einträge in mein Reisetagebuch. Die ganze Zeit liefen wahlweise deutsche oder niederländische Lieder mit dem Thema Fußball WM. Obwohl bestimmt die Hälfte der Anwesenden Deutsche waren, kamen sie in allen Liedern schlecht weg, was aber niemanden störte.

Im Anschluss an meine Eintragungen trank ich an der Theke weiter, unterhielt mich mit meinem Thekennachbarn und bekam zwei Bier ausgegeben, eines von meinem holländischen Thekennachbarn und eines von einem Iren auf Urlaub. Das letzte war zu viel und ich trank es schon gar nicht mehr aus.

Auf dem Weg zum Zelt begegnete mir der Ire wieder, drückte mir seine Zigarette („a Dutch one“) in die Hand und verschwand. Ich nahm zwei Züge von dem Joint, hustete mir die Seele aus dem Leib und ging, nein falsch: torkelte in mein Zelt.

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