Querfeldein, schließlich ist das Ziel der Weg - nicht umgekehrt

5. Tag - 26.05.2006 von Venlo nach Kevelaer

Erwartungsgemäß verschlief ich und wurde aus einem echt üblen Traum gerissen. Ich sollte wohl die Finger von den „Dutch ones” lassen, einen Kater hatte ich auch. Als ich aus dem Zelt kroch, war es noch trocken, doch der Himmel versprach nichts Gutes. Und richtig: noch während des Einpackens fing es an zu tröpfeln. Erst leicht, dann immer heftiger. Ich nutzte die kleine Überdachung der Blockhütte, vor der mein Zelt stand, und bekam so noch alles trocken in den Rucksack - konnte ich ahnen, dass mir das auch nicht weiterhelfen würde?

Nach dem Abbau kaufte ich im Campingplatzeigenen Shop noch eine Flasche Mineralwasser und ein trockenes Brötchen und zog los. Noch während ich mein „Frühstück” auf den ersten Metern des Tages verzehrte, setzte der Landregen so richtig ein. Bis Kevelaer würde er auch nicht mehr aufhören. Den ganzen Tag lief ich durch die Bindfäden aus Wasser bis sie sukzessive Alles, aber auch wirklich Alles durchnässt hatten. Irgendwann gab sogar mein Rucksackkondom auf und sammelte das Wasser in dem Part unter dem Rucksack, anstatt es, wie es seine eigentliche Aufgabe ist, das Wasser abzuweisen. Selbst unter meiner Goretex Jacke war ich am Ende klätschnass, ob es Regenwasser oder Schweiß war, kann ich nicht sagen. Meine Unterhose konnte ich bei meiner Ankunft auswringen. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich mir so was wie einen Wolf gelaufen. Ursache war die nasse Unterhose, denn er war nicht da, wo man für gewöhnlich einen Wolf hat, also zwischen den Beinen sondern weiter oben und hinten ... naja, ihr wisst schon wo. Allerdings war es nicht schlimm, ein wenig Panthenolsalbe am Abend und am nächsten Morgen war er auch schon weg. Die Zinksalbe, die ich unterwegs in einer Apotheke besorgt habe, brauchte ich gar nicht. Doch genug gejammern! Kurz: das Wetter des Tages war echt Sch... und einzig meine Füße blieben einigermaßen Trocken - liebe Schuhe.

Den Weg, den ich laufen wollte, hatte ich mir am Tag zuvor auf der Karte eingezeichnet. Der Jakobsweg windet sich nämlich von Venlo an wie eine Schlange mit spastischen Zuckungen über den Niederrhein, vorbei an den Weltstädten Straelen (Boosie und Alf mögen mir die Bemerkung verzeihen), Walbeck, Lüllingen und Twisteden nach Kevelaer. Jedesmal geht es durch das Dorf ans andere Ende des Orte und dann wieder zurück zur Grenze. Alles in allem sind es von Venlo bis Kevelaer entlang des Jakobsweges 42,5 km. Ich schaffte es in 29 km.

Zum einen wollte ich Zeit sparen (einen Tag) und zum anderen hatte ich von Straßen vorläufig genug. Ich hatte am Vortag also einen Weg gewählt, der primär durch Wälder ging und dabei möglichst ohne Umwege zum Tagesziel führte. Wie immer bei solchen Planungen entschied ich mich entlang der Strecke etliche Male denn dann doch anders, aber alles in allem folgte ich den Grundgedanken: kurze Strecke, viel Wald.

Mein Plan ging auf. Die von mir gelaufene Strecke mied zwar jegliche Kirchen und Dörfer habe ich bestenfalls gestreift, doch landschaftlich fand ich den Weg ansprechend und auch vom Trekking-Gedanken her, entsprach er mehr meinen Vorstellungen von Wandern, als die vielen Asphaltstraßen der vergangenen Tage.

Gelegentlich traf ich natürlich auf den Jakobsweg, so zum Beispiel an der Raststätte Jagersrust, wo der Jakobsweg von den Niederlanden nach Deutschland wechselt. Ich selbst bin vorerst in Holland geblieben und habe erst bei Walbeck die Grenze ein letztes Mal überquert. In der Gaststätte machte ich jedoch Pause und hab zu Mittag gegessen. Zum einen wollte ich wenigstens einige Zeit dem Regen entfliehen, zum anderen hatte ich nach dem spärlichen Frühstück auch wirklich Hunger.

Ich war der einzige Gast, aber die Küche war trotzdem geöffnet. Die Spezialität des Hauses waren Pfannekuchen ... und drei Arbeiter, die draußen arbeiteten und ständig hereinkamen um sich aufzuwärmen. An meine liebe Freundin Susanne denkend entschied ich mir für einen Satee-Pfannekuchen. Ziemlich groß und mächtig war, muss ich schon sagen. Aufbekommen habe ich ihn nicht.

So gestärkt ging es wieder in den Regen. Der weitere Verlauf bis Kevelaer war unspektakulär. Die einzigen Menschen, die ich traf, war eine Gruppe Radfahrer, die gerade mit dem Aufpumpen eines Rades beschäftigt war. Ich grüßte sie mit einem „bis gleich” als ich durch die Gruppe hindurch lief. Eine der Teilnehmerinnen zeigte sich ca. 30 Minuten später erstaunt, dass ich richtig vorhergesehen hatte, das wir uns wiedertreffen würden - Kinder! Ich kann Karten lesen und somit „erahnen” wohin man von Lüllingen aus will und auch wie man mit dem Rad fahren würde.

So erreichte ich denn Kevelaer, die letzten paar hundert Meter sogar über den Jakobsweg. In der Basilika erfuhr ich zwei Dinge: erstens von einer Nonne, dass es Stempel nur im Priesterhaus gäbe, und wie Wandteppiche in Kirchen aussehen. Meine Meinung dazu behalte ich aber lieber für mich. Gemäß Reiseführer gibt es im Priesterhaus eine Pilgerherberge. Also ging ich dorthin, schließlich wollte ich auch noch einen Stempel von denen.

Die Pförtnerin war ausgesprochen nett und wir alberten ein wenig herum. Ich bekam meinen Stempel, eine Unterkunft aber nicht: es wäre gerade ein Seminar und alle Räume belegt. Also fragte ich sie, ob es ein gutes, preiswertes Hotel gäbe. Antwort: sie dürfe keine Empfehlungen aussprechen. Gut das Spiel kenne ich von meinem Hausarzt und wandelte es situationsgemäß ab:

Ich: Sind sie schon verheiratet?

Sie: Ja

Ich: Prima, da müssen sie doch ihre Verwandten irgendwo untergebracht haben, oder?

Sie (grinst): Ich komme von außerhalb.

Mist, neuer Versuch, neue Taktik:

Ich: An welchen Namen denken sie gerade

Hielt ich für gerissen, schließlich sprachen wir über Hotels.

Sie (grinst noch breiter): Hape Kerkeling

Ich (völlig konsterniert): Bitte?!?

Sie (grinst noch breiter): Der war gestern im Fernsehen und erzählte von seinem Jakobsweg. Da dachte ich noch, bei uns in Kevelaer kommt so gut wie nie einer vorbei und heute stehen Sie vor mir.

Ich sah ein, dass ich so nicht weiterkommen würde, sie war eine harte Nuss. Also scherzte ich noch ein wenig mit ihr, bis der Stempel trocken war. Packte den Pass wieder in den völlig durchnässten Rucksack und verabschiedete mich. Zum Abschied sagte sie dann:

Sie (süffisant lächend): An Ihrer Stelle würde ich jetzt in gerader Linie an der Gnadenkappelle vorbei laufen, dass ist ohnehin der Weg, den Sie morgen nehmen müssen und dann schauen Sie mal, ob sie nicht ein Hotel finden.

Ich bedankte mich artig, grinste verschwörerisch zurück und ging.

Zwar ist Kevelaer ein Wallfahrtsort doch glaubte ich nicht an ein Wunder, als ich dem vorgeschlagenen Weg folgend direkt auf ein kleines Hotel zusteuerte. Ich konnte mich sogar zwischen dem Luxuszimmer mit eigenem Bad und Fernsehen oder dem Basiszimmer mit Gemeinschaftsdusche auf dem Flur und ohne Fernseher entscheiden. Ich ahnte, dass ich ohnehin zu erschöpft zum Fernsehen sein würde und Gemeinschaftsduschen war ich gewöhnt, also das Basiszimmer.

In dem Zimmer erlebte ich sozusagen einen wahren Kulturschock nach dem anderen: Es gab Betten, statt Isomatten und zwischen dem ersten Blick aus meinem Zelt am Morgen und dem aus dem Hotelfenster lagen Welten: die Gnadenkappelle lag direkt unter meinem Fenster, das im dritten Stock lag, so dass ich über die Kappelle hinweg die Basilika sah.

Aus dem Zimmer nebenan dröhnte deutsche Rockmusik (ich vermute es waren die Toten Hosen, bin mir aber nicht 100% sicher, dafür war es zu leise), was ich als angenehmen Kontrapunkt zum Ausblick empfand. Einziger Nachteil des Zimmers war: es war eisekalt (Fenster stand offen) und die Heizung ließ sich nicht einschalten. Ich packte trotzdem alles aus und hing die nassen Klamotten ohne viel Hoffnung zum Trockenen auf. Die Ersatzwäsche war in ihren Plastiktüten trocken geblieben. So dass ich durch eine wahre Duschorgie wieder auf 36,5° Körpertemperatur aufgewärmt, in trockene Sachen schlüpfen konnte und zum Essen gehen.

Gewaschen und umgezogen erkannte mich die Bedienung erst wieder, als ich meinte, ich wäre heute schon mal da gewesen und hätte gerade ein Zimmer bezogen. Im „Festsaal” nebenan hatte sich eine riesige Gruppe versammelt, zu der auch die Leute aus dem Nachbarzimmern gehörten. Der Sprache nach waren sie Österreicher, den Klamotten nach Brasilianer. Ich beschloss sie für den österreichischen Brasilienfan-Club zu halten, dem niemand gesagt hatte, dass Brasilien nicht in Kevelaer spielt.

Wie ich richtig vermutet hatte, war ich zu erschöpft, als dass ich hätte Fernsehen können und bin statt dessen nach dem Abendessen sofort in einen erholsamen Schlaf gefallen.

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