Von Wildschweinen und einer voreiligen Martinsganz

6. Tag – 27.05.2006 von Kevelaer zur Gaesdonck

Für den Tag plante ich eigentlich eine Stunde früher aufzustehen. Hintergrund war, dass ich den Weg auf 4 Stunden schätzte und hoffte bis spätestens 12:30h anzukommen, um ein Mittagessen zu erschnorren, alleine schon des Unterschiedes „damal“ und „heute“ wegen miterleben zu dürfen. Der Plan ging schief! Bis zum Frühstück funktionierte alles hervorragend: früher aufstehen, Rucksack packen, frühstücken. Alles Prima um 8:30 hätte ich losgehen können. Wäre da nicht das Pärchen am Nebentisch gewesen. Wir kamen bei der Zigarette vorm Abmarsch ins Gespräch und es stellte sich heraus, dass sie schon beide Jakobswege in Spanien (Haupt- und Nordroute) gelaufen war. Tja und so haben wir noch ca. eine Stunde gequatscht und ich kam erst gegen 9:30h los. Eine Stunde zu spät.

Dafür waren aber die Sachen, die ich am Körper trug, wieder trocken. Über Nacht waren sie leider nicht getrocknet, so dass ich beim Anziehen beschloss den guten alten Trick mit der Körperwärme anzuwenden, schließlich waren sie nur klamm und nicht sickenass. Während es Essens versammelte sich einer der örtlichen Schützenvereinen in Anzug mit Säbel und Schärpe und marschierte später in einem Rumtata-Umzug mit anderen Vereinen um die Gnadenkapelle. Und das am frühen Morgen. Gut, dass ich früh aufgestanden war.

Der Weg lässt sich eigentlich einfach zusammenfassen: 5x lange gerade aus, möglichst immer Richtung Nordwesten. Mit dem Jakobsweg hatte der von mir eingeschlagene Pfad nichts zu tun. Der eigentliche Pilgerweg führt von Kevelaer über Weeze nach Goch. Ich bin ihm zwar den ganzen Tag nahe geblieben, aber schließlich war Goch nicht mein Ziel und es wäre ein Umweg gewesen, den ich nicht machen wollte. Zum einen ist der Weg von Goch zur Gaesdonck nicht sonderlich prickelnd und zum anderen wollte ich zu einer Adäquaten Zeit wieder zuhause in Aachen ankommen.

Zunächst ging es über Straßen aus Kevelaer hinaus und anschließend ebenfalls über Straßen in Richtung eines Waldgebietes, dass ich von Süden nach Norden durchqueren wollte. Hier rächte sich, dass ich mich zu Schulzeiten bei Pfadfinderlagern nie für die Topologie des Niederrheines interessiert hatte, denn ansonsten hätte ich gewusst, dass es zwischen Gaesdonck und Kevelaer nur ein größeres, zusammenhängendes Waldgebiet gibt, und das zum größten Teil ein Wildschweingehege ist. An selbiges konnte ich mich zwar erinnern, aber erst als ich es erreichte. Mein Fehler war, dass der Weg, den ich mir ausgeguckt hatte, von Süden nach Norden durch das Gehege führte, die Tore jedoch gesperrt waren. Was ich aber erst nach einem Umweg feststellte. Ignorant, der ich in meiner Jugend gewesen war, bemerkte ich noch nicht mal wovor ich stand und überlegte, ob es vielleicht der Zaun vor dem Flughafen von Laarburch war.

Ich ging also wieder zurück zur Straße und lief um den Wald herum. Einen alten Mann auf einem Fahrrad, der mir entgegen kam, fragte ich, ob es einen Weg durch den Wald gäbe, oder ob ich wirklich ganz drum herum müsse. Er wusste es nicht, aber von ihm erfuhr ich, dass es ein Wildschweingehege wäre. Da endlich klingelte es bei mir. Nach wenigen Metern hatte ich auch das Tor erreicht, durch das man hinein kommt.

Das Gehege durchquerte ich immer gerade aus laufend. Dabei erinnerte ich mich meiner erfolgreich in Frankreich erprobten Wildschweinvertreibungstaktik und fing laut an zu singen, um den Wildschweinen anzukündigen, dass ich komme, nicht dass ein Eber glaubt, ich wolle mich an seine Jungen anschleichen. Zunächst sang ich, was mir aus meiner Kindheit aus der Mundorgel einfiel, dann überlegte ich, ob ich mich noch mal an lateinischen Messgesängen erproben sollte, entschied mich stattdessen aber lieber für die eher „zotigen“ Pfadfinderlagerlieder meiner Jugend. Kurz bevor die Stellen im Lied peinlich wurden, wurde ich von hinten von drei Joggern eingeholt … ich suchte vergeblich nach dem Erdspalt, in dem ich versinken könnte. Den Gesang stellte ich jedoch unmittelbar ein, wahrscheinlich hatte ich ohnehin alle Wildschweine des Niederrheins vertrieben und sie werden erst in vielen Jahrzehnten zurückkehren. Ich war also sicher.

Unmittelbar nachdem ich das Gehege verlassen hatte, kam ich zu einer Schneise im Wald, wo Weiden den Wald in zwei Hälften teilte. Irgendwie kam mir dieser Ort wage bekannt vor. Allerdings brauchte ich noch einige Meter und einen Blick zurück auf das Tor, bis es mir wie Schuppen aus den Haaren fiel: das war ein ehemaliger Lagerplatz der jährlichen Pfadfinderlager zu meiner Zeit gewesen. Direkt unter der Einflugsschneise des Flughafens. Gerne würde ich sagen, dass mir damit auch der restliche Rückweg, den wir früher mit dem Rad genommen haben, wieder eingefallen wäre, aber das wäre gelogen.

Anstatt meiner Erinnerung vertraute ich also lieber meinem GPS und meiner Karte. Viel gibt es über den Rest nicht mehr zu erzählen, außer dass ich kilometerweit über Feldwege zwischen den Äckern entlang lief. Einzig bemerkenswert war einige Gänze vor einem Bauernhof an dem ich vorbei kam. Eine der Gänze stand in einer Art Schmortopf. Erst hielt ich sie für eine Attrappe, das Bild erinnerte zu sehr an die Parodie einer Martinsganz. Als sie aber den Kopf drehte um mich skeptisch zu beäugen, wusste ich es besser: sie übt schon mal für Sankt Martin.

Als ich auf die Uhr sah, und dachte ich würde noch ca. eine Stunde brauchen – ich hatte extra nicht auf der Karte nachgesehen, wie nahe ich schon bin – entdeckte ich in der Entfernung eine signifikante Baumformation: ein kleines Wäldchen, an dessen Rand einige deutlich höher gewachsene Bäume wie der Kamm einer hoch stehenden Pferdemähne aussehen. Ich dachte noch: wie lustig, und ich hielt sie früher immer für eine markante Formation nahe der Gaesdonck, dabei gibt es die überall am Niederrhein. Ich irrte: es war die markante Formation ich war so gut wie da. Auch mein GPS versicherte mir, dass ich das Ziel so gut wie erreicht hatte, und heute rund 1 km/h schneller war als die Tage zu vor.

Mein Reisebericht endet somit hier, da ich so gut wie angekommen war. Ich besuchte noch den Reitstall, machte ein paar Fotos der Gaesdonck und bekam den Stempel für den Pilgerpass. Danach brachte mich der Direktor zum Bahnhof und das war’s. Der letzte Bericht / die nächste Seite ist höchstens für ehemalige Gaesdoncker noch von Interesse, da sie mit der Wanderung nichts mehr zu tun hat.

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