Die Nebel von Gaesdonck

6. Tag – 27.05.2006 Teil 2: Ankunft auf der Gaesdonck

Deutlich eher als erwartet erblickte ich die markante Baumformation, die mir neun Jahre lang, während meiner gesamten Gymnasialzeit, nach den Heimfahrtswochenende baldige Ankunft auf dem Collegium Austinianum Gaesdonck verhieß. Stielvoll und wie es sich für den Niederrhein meiner Erinnerung gehört, war sie in einen leichten Nebel getaucht und hob sich so zwar verschleiert jedoch deutlich vor dem gleichmäßigen Grau des Himmels ab. Ich machte mir keine Sorgen, dass die Nebel mich abweisen könnten, denn als Ehemaliger, als jemand, der die vollen neun Jahre durchlaufen und mit der Reifeprüfnung abgeschlossen hatte, fühlte ich mich als eine Art Priester, dem es erlaubt ist, durch die Nebel zur Kendelinsel zu schreiten. Als jemand der nicht Priester geworden ist, noch nicht einmal der katholischen Kirche angehörte, bin ich jedoch kein Hohepriester, der die Nebel auch teilen darf. Bei meiner Ankunft musste ich also auf ätherische Klänge, dem Aufreißen des Nebels und strahlenden Sonnenschein über der Kirche verzichten: es blieb alles Grau in Grau. – Schade auch, warum gibt es so was immer nur in Büchern und Filmen, ich hätte den Effekt wirklich zu würdigen gewusst.

Anstatt mich jedoch auf direktem Wege zur Madonna aufzumachen, die die Grenze zwischen der Gaesdonck und dem Rest der Welt schon zu meiner Zeit bewachte, lief ich zunächst einen Umweg. Über den kleinen Kendelweg erreichte ich den eigentlichen Kendelweg, der mich hinter den Pferdeweiden vorbeiführte. Das war Nostalgie pur: wie oft hatte ich auf diese Wiesen die Pferde geführt oder von hier zum Unterricht geholt. Wie oft war ich hierher im Winter gegangen, um sie mit Hafer zu füttern. Zugegeben, andere waren da fleißiger als ich, aber ich hatte meine Aufgaben wenn auch nicht im Übermaße so doch gewissenhaft erfüllt.

Kurz vor der Straße, die an der Reithalle vorbei zum CAG führt, entdeckte ich auf der Weide ein Schild an einem Strommast, dass mich denn dann doch ein wenig schmunzeln ließ: Meine Initialien, wenn auch fälschlicher Weise mit Bindestrich geschrieben, darunter ein „Gaesdonck“ und das auch noch auf der Pferdeweide, so als hätte ich es vor Jahren dort nach dem Motto „I was here“ angenagelt. Ich hab keinen blassen Schimmer, was es wirklich bedeutet.

Bevor ich denn endlich wirklich zur Madonna ging, bin ich noch in die Reithalle, um zu sehen, was sich verändert hat und ein paar Fotos zu machen. Schließlich hatte ich hier in Aachen viel von der Anlage und den Connemaras erzählt, die ich hier 6 Jahre lang geritten habe. Das es letztere nicht mehr gibt, wusste ich zwar bereits, aber wenigstens von den Weiden, dem Stall, der Reithalle und den Ställen wollte ich Fotos machen. Im Eingangsbereich wurde ich von einem großen, massigen Hund begrüßt, der allerdings nicht so recht wusste, was er von mir halten sollte. Anfassen durfte ich ihn nicht, dafür war er zu ängstlich, was bei seiner Masse recht befremdlich wirkte, aus den Augen wollte er mich aber auch nicht lassen. Als ich in den Stall kam und fleißig Fotos machte, kam ein Mann auf mich zu, und fragte, ob er mir helfen könne. Wie sich herausstellte, war es der aktuelle Pächter. Auch ein zweiter Hund, diesmal ein Schäferhund, tauchte auf, der weitaus weniger Probleme mit mir hatte, und versuchte mich zum Spielen zu überreden. Letzteres machte den ersten Hund offensichtlich eifersüchtig, jetzt wollte er auch gestreichelt werden – alter Schisser! Mit dem Pächter hab ich mich blendend bestimmt 20 Minuten unterhalten: wir diskutierten die Unterschiede im Reitunterricht damals und heute (ich erzählte von dem alten „Herrn Hans“ – Zitat: „Ich bin noch im Krieg auf dem Pferd durch Polen geritten…“), was sich am Reitstall geändert hat, trauerten um die Connemaras (die sich jetzt scheinbar im Besitzt meines ehemaligen Lateinlehrers befinden, der sie seit seiner Rente züchtet und der früher am Reitstall gewohnt hatte), er zeigte mir seinen Hengst und erzählte, dass er auch mit der Zucht begonnen habe. Wir redeten eben über alles, was uns so in den Sinn kam. Es war wirklich nett und ich wollte mich gar nicht trennen.

Vom Reitstall aus ging es weiter an der Hauptstraße und den weiteren Weiden entlang zur Madonna. Zu meinem Erstaunen, nur um nicht „Entsetzen“ zu sagen, sag ich, dass der Grote Laarweg neben dem Graben Richtung Lehrersiedlung völlig umgestaltet worden war. Wo früher ein kleiner, schlecht asphaltierter Weg zwischen dem Graben und dem Gehege mit den Lamas verlief, war nun das Gehege verschwunden und stattdessen etwas angelegt worden, dass wie ein kleiner Autobahnrastplatz aussah. Passend zu diesem Eindruck parkte auch gleich ein Sattelschlepper dort.

Von der Madonna ging ich zur Verwaltung ohne viel Hoffnung, dass sie noch geöffnet haben könnte. Schließlich war es schon 13:30h und Samstag. Die erste Türe war zu meiner Überraschung offen, doch der schein trog, die zweite dahinter war verschlossen. Im Direktorenzimmer sah ich Licht brennen und überlegte kurz, ob ich kurz bei Herrn Steifert – ich werde ihn für mich wohl nie „Direktor“ nennen, diesen Titel wird auf ewig allein „dem Anzug“ gebühren – vorbei schauen sollte. Entschied mich aber dagegen.

Stattdessen ging es über den Marmorplatz zum Kreuzgang, wo ich denn auch gleich einige Fotos machte in der Hoffnung etwas von der Stimmung aufzufangen, die Paul Ingendaay so treffend in seinem Buch „Warum du mich verlassen hast“ beschrieben hatte. Da ich das Buch Freunden von mir zum Lesen geben will und auch schon habe, wollte ich ihnen nachher die Fotos zeigen, damit sie sie mit der Vorstellung vergleichen können, die sie sich beim Lesen gemacht haben. Beim Spiritual klingelte ich, in der Hoffnung von ihm einen Stempel für den Pilgerpass zu bekommen. Schließlich war das der „Sinn der ganzen Aktion“ er war jedoch nicht in seiner Wohnung. Also machte ich noch schnell ein Foto von „meiner“ Kachel und fragte zwei Jungen, ob sie wüssten, wo der Spiri sich gerade aufhalte.

Wie sich herausstellte, wussten sie es wirklich und wir standen direkt vor der Tür seines aktuellen Aufenthaltsortes: der Sakristei. Böse Zungen könnten jetzt behaupten, er war dort, wo ein Spiritual auch hingehöre. Ich erklärte, wer ich bin und was ich wolle. Er erklärte mir im Gegenzug, dass er nur Zugang zu den „kleinen Stempeln“ hätte. Etwas enttäuscht war ich schon, aber welche Alternative hatte ich schon. Also gingen wir zusammen zurück über den Marmorplatz in Richtung der Verwaltung, als er sah, dass Hr. Steiffert, der Direktor, noch Licht in seinem Büro habe. Also zurück und ab ins Hauptgebäude, wo uns Herr Steiffert auch schon mit einem riesigen Blumenstrauß in der Hand entgegenkam. Zwar war er offensichtlich auf dem Weg zu irgendeinem wichtigen (Familien- ?)Treffen, jedoch nahm er sich noch die Zeit mit uns, dem Spiritual und mir, in das Schulsekretariat zu gehen. Erst testete er den kleinen Stempel. Nachdem ich jedoch ein wenig auf die imposanten Siegel aus Leffe und Roermond hingewiesen hatte und der Spiritual diese und andere gebührend bewundert hatte, kam er denn doch von selbst auf die Idee, dass hier wohl das „große Siegel“ passender wäre – Zitat „Das gibt es sonst nur für besondere Anlässe, wie Abiturzeugnisse und ähnliches“. Und ich bekam so mein zweites „großes Gaesdoncker Siegel“. Ob ich nun der einzige Jakobspilger bin, der jemals an der Gaesdonck vorbeigekommen ist, wie der Spiri zuvor schon vermutete, oder nicht, auf jeden Fall werde ich wohl einer der wenigen sein, die dieses Siegel je in ihrem Pilgerpass hatten. Alleine dafür hat sich der Weg doch gelohnt.

Herr Steiffert fragte mich, ob er mich mitnehmen könne zum Bahnhof, er ware gerade ohnehin auf dem Weg nach Goch. Zunächst zögerte ich, da ich eigentlich einen Abschiedsbesuch bei Haus Stern machen wollte, bzw. seiner Ruine oder was immer davon gerade noch steht, schließlich wird es gerade ja angeblich abgerissen. Auch Jochen wollte ich eigentlich kurz besuchen, der zu meiner Zeit Ziwi gewesen war und heute Erzieher ist. Der Spiri mir versicherte mir jedoch, der wäre nicht da, er hätte ihn nämlich auch gerade erst gesucht. Also nahm ich das Mitnahmeangebot an. Etwas unangenehm war mir das schon, nach 6 Tagen Tour und rd. 17 km im Höchsttempo, war von der Duschorgie des Vorabends wohl kaum noch etwas zu „riechen“. Genau genommen schätzte ich, dass ich ziemlich stank, und sagte das auch. Trotzdem hat er mich mitgenommen, was mir ein Taxi und das warten auf das Taxi erspart hat.

Tja, damit endete meine Reise, der Zug kam kurz nach meiner Ankunft am Bahnhof und ich schaffte es so gerade eben noch, mir eine Karte zu kaufen, aber auch nur, weil der Zug zwei Minuten Verspätung hatte … auf die Deutsche Bahn ist halt Verlass :)

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