Marathon plus Zugabe

2. Tag - 06.05.2006 von Schevenhütte nach Götzenkirchen (Horrem)

Offenbar hatte ich Angst zu verschlafen, denn ich döste bereits um kurz vor sieben vor mich hin, in der festen Überzeugung es wäre bereits zwei Uhr nachmittags. So im Halbschlaf suchte ich schon nach einer Ausrede, warum ich heute zu Hause bleiben sollte. Als ich die Augen endlich öffnete um dem Schrecken der Uhrzeit ins Gesicht zu blicken, stellte ich jedoch fest, dass ich noch problemlos eine Dreiviertelstunde schlafen konnte.

Da ich ursprünglich plante, zwei Tage zu laufen und nicht wußte, wo ich schlafen würde, nahm ich das volle Gepäck mit, will heißten, den großen Rucksack inkl. Schlafsack, Zelt, Kochgeschirr, etc. Natürlich nicht dieselbe Menge, als würde ich Wochen wegbleiben wollen, aber mehr als die Hälfte schon.

Los ging’s mit dem Bus nach Schevenhütte, wo ich fast die Haltestelle verpasste. Von dort aus ging es die Straße entlang Richtung Heisteren. Die Abzweigung nach Wenau hab ich zwar verpasst, aber die geht ohnehin über eine Parallelstraße und trifft nachher wieder auf eben jene Straße, dich ich gewählt hatte. Viel verpasst, hab ich also nicht, höchstens die Kirche von Wenau. Und das sollte heute nicht die einzige sein, weder die einzige Kirche noch die einzige, die ich verpasst habe.

Statt der Kirche gab es dafür einen toten Fuchs am Straßenrand bei einem Parkplatz. Etwas unsicher, ob ich dafür die Polizei rufen muss oder nicht, versucht ich es, hatte jedoch kein Glück, da mein Handy keinen Empfang hatte.

Ich stellte mir die Frage, ob man für tote Füchse eigentlich die Polizei anrufen muss? Ich meine, für ´nen Igel oder toten Vogel alarmiert man ja schließlich auch niemanden. Aber bei so einem großen Fuchs - und der war wirklich groß! - fand ich, ist das was anderes. Die Frage wurde übrigens im weiteren Verlauf beantwortet: später in Düren kam ich an der Polizei vorbei und hab gefragt: von müssten wurde zwar nicht gesprochen, aber bei „Großtieren” scheinen sie das an die entsprechenden Förster - oder wer immer dafür zuständig sein mag - weiter zu geben.

Nach Wenau ging es dann den Berg rauf in den Wald. Keine anstrengende Steigung, aber die letzte und einzige des Tages. Zunächst kommt man zu einem Franzosenkreuz, dass man nicht gesehen haben muss und dann vorbei an einem Kloster, oder vielmehr der Ruine eines solchen. Beides Dinge, die man nicht wirklich gesehen haben muss. Insofern sollten diejenigen, die von Düren aus kommen, und Richtung Aachen/Santiago laufen lieber dem Schild „Schevenhütte 3km” folgen, das ca. 200m hinter der Ruine in eine völlig andere Richtung weißt, als der Jakobsweg weiter verläuft. Auf diese Weise spart man ca. 3km und läuft nicht eine halbe Stunde blöde an einer Landstraße entlang, sondern geht gepflegt durch den Wald. Wie gesagt: man verpasst dabei nichts. 3km Ersparnis sind auf der anderen Seite ca. eine Promille des Weges nach Santiago von dort aus und eine Promille kann schon mal einen Unterschied machen ... beim Alkohol *g*

Apropos Wegweiser: die sind Mangelware, besser ist eine Karte oder das Buch „Jakobswege Band I”, in dem genügend große Kartenausschnitte enthalten sind. Naja, zumindest bislang.

Hinter der Ruine geht es noch einige KM durch den Wald bis man ihn kurz vor Derichsweiler verlässt und die „wunderschönen Kulturlandschaften” betritt, die einen lange begleiten werden. Na gut, wer richtig rum läuft, hat sie hier endlich hinter sich. Eben jene Kulturlandschaften sind es, die mich schon recht früh an diesem Tag den Entschluss fassen ließen, die gemäß Buch zwei Etappen bis Düren und weiter bis Kerpen zusammen zu fassen und auf einmal zu laufen. Entfernungsmäßig mehr, als mein gewohntes Tagessoll zudem bin ich ja noch in der Aufbauphase nach einem ziemlich trägen Winter, andererseits ist der Weg durchgängig eben ab Derichsweiler und geht mit wenigen Ausnahmen über asphaltierte Wege. Ergo: viele Kilometer aber keiner davon ist anstrengend.

In Derichsweiler machte ich im Schatten der Kirche eine längere Pause und entdeckte den „Anbau” an die Kirche: eine Art künstlicher Grotte.

In Anbetracht dieser Offenbarung versteht man die Ablehnung der frühen Reformation gegenüber Heiligen- und Mariendarstellung doch gleich viel besser. Auch das zweite Gebot (oder war’s Teil des Ersten) bekommt eine völlig neue Bedeutung.

Doch auch im nächsten Dorf erwartete mich eine Überraschung: Delfhi. Oder vielmehr der gleichnamige Grill. Da kann man nur hoffen, dass der Koch nicht, wie es heute modern ist, ein Kochbuch verfasst über die Zubereitung von Phleisch und Fhisch. Jaja, wer im Glashaus sitzt ... ich weiß.

In Düren träumte ich ein wenig vor mich hin und verpasste prompt die Abbiegung zur Anna Kirche, das Foto in dem Buch animierte mich allerdings auch nicht sonderlich, dafür zurück zu gehen, denn die Richtung stimmte weiterhin. Ich ließ es also bleiben.

Nach Düren kommen Merzenich, Golzheim, Blatzheim und dann endlich Kerpen. Über die gesamte Strecke gibt es echt nicht das geringste zu berichten, außer dass mir endlich gelang, was mir letztes Mal versagt blieb, weil sie zuvor abbogen: ich überholte mit vollem Gepäck zwei Nordic Walkerinnen. Irgendwie taten mir die beiden leid, da der Geschwindigkeitsunterschied relativ gering war, hörte ich recht lange worüber die beiden redeten: es schien ihr erster Ausflug diesbezüglich zu sein und sie wollten es als neuen Sport betreiben. Da kann es schon frustrierend sein, wenn man von hinten von jemandem überholt wird, der nen riesen Rucksack und klobige Schuhe trägt. Ich weiß noch, wie ich den Weg zur Arbeit mal hoch motiviert mit dem Fahrrad angetreten bin und von einem 70-80 jährigen überholt wurde. Ich hab vor Wut in den Lenker gebissen. Dass ich ihn nachher in der aktuellen Stunde wieder gesehen habe, wo er vorgestellt wurde, als der Rad-Rentner der Eifel der seit Jahrzehnten nichts anderes tut, hat wenig geholfen - frustend ist es allemal.

In Kerpen wehten überall die Ferrari-Fahnen: Schumistadt. War dieses Wochenende wohl auch ein Rennen. Außerdem gibt’s dort auch noch im Geburtshaus von Kolping das gleichnamige Museum. Aber vielmehr gibt es auch über Kerpen nicht zu sagen. Außer dass ich einen Bus nach Horrem zum Bahnhof knapp verpasst hatte. Der nächste kam erst in fast 90 Minuten. Bis dahin konnte ich Horrem allerdings auch zu Fuß erreichen. Irgendwo zu Zelten oder sonst wo zu übernachten hatte ich mir abgeschminkt.

Irgendwie schon komisch: als ich in Thimister-Clermont ankam, gerade mal einen Tagesmarsch von Aachen entfernt, war für mich klar, dass ich dort irgendwie, irgendwo übernachten würde. Und das obwohl ich noch nicht mal die Sprache des Landes sprach. Von Kerpen aus allerdings wollte ich lieber nach Hause. Ausland = Urlaub? Wahrscheinlich!

Die Strecke von Kerpen nach Horrem ist zur Abwechslung sogar ganz hübsch. Man kommt an zwei Schlösschen vorbei, na gut, eines ist kurz vor Kerpen. Kurz drauf gab es in einem Gehege sogar einige Rehe zu sehen. Hinter Kerpen führt der Weg durch ein Stück Naturschutzgebiet mit Naturlehrpfad. Zwar über Asphalt aber wenigstens durch den Wald.

Hinter dem Naturschutzgebiet betritt man dann auch schon Horrem, oder vielmehr Götzenkirchen. Auch dort hatte ich den Bus zum Bahnhof knapp um 3 Minuten verpasst. Also ging ich noch ein Stück weiter. In der Karte ist dort eine riesige Fläche eingezeichnet, die einfach nur weiß ist. Ich hoffte, es wäre ein Tagebau und ich würde noch ein hübsches Foto machen können, statt dessen fand ich ein riesiges Flachsfeld vor.

Nach guten 45km erreichte ich um 20:10h den Bahnhof, kaufte dort eine Karte und stellte fest, dass der nächste Zug um 20:15h nach Aachen ging. „Ideal”, so dachte ich, die Zeit reicht für eine Cola, um meinen Blutzuckerspiegel wieder auf normal zu bringen und dann bequem zum Bahnsteig zu zotteln.

Der Plan klang gut und bis zum Bahnsteig funktionierte er auch, dort allerdings stand angeschlagen, dass der Zug nach Aachen ausfällt. Ja genau: nicht zu spät kommt, ich meine daran bin ich gewöhnt und plane die Verspätung in Köln ja mittlerweile selbst mit ein, nein der fiel ganz aus. Der nächste ging erst in einer Stunde. Allerdings merkte ich das zu spät: ich ging nämlich zurück in die Bahnhofskneipe, wo ich mit freundlich, anteiligem Gelächter empfangen wurde und 25 Minuten später zurück zum Gleis. Ich hatte übersehen, dass der Zug um 55 nur Werktags fährt *grr* Nochmals zurück zu gehen, war mir zu peinlich, also wartete ich auf dem Bahnsteig.

Um 21:20h kam die Durchsage, dass der Zug etwa 5 Minuten Verspätung habe. Diese wurde um 21:25h wiederholt. Zwei Minuten später hieß es plötzlich: 30 Minuten Verspätung. Bis dato hatte ich nur ein Brötchen zum Frühstück und einen Schoko-Nuss-Riegel zu Mittag gegessen. Während ich überlegte, ob ich die Pommesbude vor dem Bahnhof aufsuchen sollte kam der Zug mit 2 Minuten Verspätung an. - Es lebe die Bahn!

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