Deutlich besser als erwartet

3. Tag - 10.06.2006 von Götzenkirchen (Horrem) zum Kölner Dom

Ich kann wirklich nicht behaupten, mich auf diesen Streckenabschnitt gefreut zu haben. Vielmehr ging ich davon aus, dass sich das, was kurz vor Düren begonnen hatte, sich bis hinter Köln fortsetzen würde: Kulturlandschaften, asphaltierte Straßen, kaum Schutz vor der sengenden Sonne, keine Steigungen. Auch Namen bedeutender Orte wie „Königsdorf” oder „Brauweiler” reizten mich wenig. Kurz ich erwartete eine Pflichtetappe auf dem Weg ins Bergische Land, ohne jeden landschaftlichen oder sportlichen Reiz

So fuhr ich auch wenig motiviert über einen Monat nach der letzten Etappe dieser Strecke nach Horrem. Bevor ich mich endlich aufraffen konnte loszulaufen, frühstückte ich noch ein Käsebrötchen und schmierte mich mit Sonnenschutzmittel ein. Danach gab es keinen Grund mehr, den Start noch länger hinauszuzögern und ich ergab mich in mein Schicksal.

Zunächst ging es Richtung Nordosten nach Königsdorf und dabei erlebte ich die erste positive Überraschung des Tages: statt Asphalt und Ackerbau ging es durch einen schmalen Waldstreifen. Der Waldboden war über und über mit weißen, bauschigen Samenpollen überdeckt, dass er fast schon weiß wirkte. Und trotz dass ich mich mitten in bewirtschafteten Gebiet zwischen zwei Orten befand und es Wochenende war, traf ich kaum jemanden. Sogar ein paar Hügel wurden gestreift, allerdings kann in diesem Zusammenhang nicht ernsthaft von bergauf oder bergab geredet werden. Leider musste ich jedoch auch feststellen, dass ich in der Zivilisation war (siehe Bild)

Kurz vor Königsdorf verließ ich das Waldgebiet und es ging über die erwarteten Feldwege weiter bis nach Brauweiler. Kurz bevor ich dort ankam konnte ich schon einen ersten Blick auf das Ziel der heutigen Etappe erhaschen: den Kölner Dom. Dabei hatte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht mal die Hälfte der Strecke zurückgelegt.

In Brauweiler angekommen gönnte ich mir erstmal ein Vanilleeis in Orangensaft in einer Eisdiele auf der Ecke. Laut Wegbeschreibung sollte es von dort aus in einem Bogen durch den Klosterpark weitergehen. Den Eingang in den Kosterpark fand ich auch neben der Klosterkirche, vor der gerade eine Braut Aufstellung bezog.

Das Problem war der Ausgang des Parks an der anderen Seite, den ich nicht fand. Zwar entdeckte ich ein Tor, das ungefähr dort war, wo ich es von der Karte her vermutete, jedoch war es verschlossen. Mein weiterer Rundgang brachte mich zu einem weiteren Tor, das jedoch ebenso geschlossen war, wie das erste, jedoch war es im Gegensatz zu dem anderen durchaus möglich drüber zu klettern. Das Tor lag direkt gegenüber der Eisdiele, von wo aus mich der Radfahrer, der zuvor am Nebentisch von mir gesessen hatte, aufmerksam beobachtete. Ich entschloss mich trotzdem zu der peinlichen Aktion, über das Tor zu klettern und steigerte die Peinlichkeit auch noch indem ich beim ersten Versuch ziemlich unelegang abrutschte. Der zweite Versuch gelang zwar deutlich stilvoller, aber da war es für meinen Ruf ja bereits zu spät. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass ich den Fahrradfahrer nicht kennen und wohl auch nie wiedersehen würde. Das obligatorische rot Anlaufen, ersparte ich mir in der Hitze des Nachmittages.

Zwischen Brauweiler und Widdersdorf kam ich auch an einer Pferdeweide vorbei, in der die Pferde versteckenspielen können. Insbesondere die Elternpferde dürften schon mal Probleme damit haben, ihre Halbwüchsigen wiederzufinden:

Weiter ging es von nach Widdersdorf, wo erstmalig „Köln” auf dem Ortschild stand: im Prinzip war ich also da. Naja bis zum Dom war es noch etwas. Von dort aus geht es weiter Richtung Südost, bis man denn wirklich in Müngersdorf das Kölner Stadtgebiet erreicht, am Stadion kommt man allerdings nicht vorbei. An der Aachener Straße trank ich in einem Biergarten ein großes Mineralwasser und guckte mir derweil auf dem Flatscreen die erste Viertelstunde der zweiten Halbzeit England gegen Paraguay an. Es stand 1:0 für England und was ich in den 15 Minuten sah, bestätigte mich darin weiter zu ziehe, es sah nicht so aus als würde ich irgendetwas verpassen: Tip-Kick kann ich auf meinem heimischen Wohnzimmertisch spannender gestalten.

Kurz drauf ging es in einen Park, der sich fast bis zum Rudolfplatz erstreckt. Meine Befürchtung die Aachener Straße entlang durch Häuserschluchten bis zum Dom laufen zu müssten, bewahrheitete sich nicht. Im Gegenteil, der Abschnitt gefiel mir sogar richtig gut, so viel Grün hätte ich auf der Strecke, insbesondere mitten in Köln gar nicht erwartet. Der Park war zwar rappelvoll aber immerhin ging ich im Schatten der Bäume entlang eines Gewässers. Zugunsten eben jener Bäume und jenes Gewässers änderte ich auch den Streckenverlauf, so dass ich möglichst lange im Schatten blieb, bevor es denn doch auf die Straße zurück ging.

Köln war ganz im Fußball WM Rausch versunken, dass war schon im Park offensichtlich geworden, aber spätestens am Rudolftor hätte es auch der letzte Fußballignorant gemerkt: es war mit allen Fahnen der Teilnehmer behangen.

Da es noch relativ früh war und die Geschäfte noch offen hatten, entschied ich mich zu einem Abstecher zum neuen Globetrotter Laden, um mir den Mal anzusehen. Wirklich riesig das Teil, aber ich werde wohl trotzdem auch in Zukunft zumeist meinem kleinen, örtlichen Fachhändler die Treue halten, Globi ist mir ja fast schon zu groß und macht eher den Eindruck eines Kaufhofs oder Hortens als eines Outdoorladens.

Zurück auf dem Neumarkt kam mir eine Truppe trillernder Fussballfans in roten T-Shirts entgegen. Mein erster Gedanke war: das fehlt jetzt noch, England hat gegen Paraguay verloren, nachdem Polen Tags zuvor gegen Ecuador vorgemacht hatte, wie das geht. Aber es waren die Portugiesen, die von einer Kundgebung am Dom kamen bevor sie am kommenden Tag ihr erstes Spiel hier in Köln haben würden. Zu dem Zeitpunkt konnten sie ja noch nicht ahnen, dass sie das kleine Finale gegen Deutschland verlieren und so „nur” Vierter werden würden. Also waren sie noch guter Dinge.

Am Dom angekommen, ging ich hinein um mir einen Stempel zu organisieren. Einen Ordner hatte ich auch schnell gefunden, in ihren roten, ausgesprochen unbequem aussehenden Roben sind sie ja kaum zu übersehen. Der beschied mir aber, dass es den Stempel erst wieder am Montag im Dompfarrbüro geben würde. Hurra!

In Reims, Aachen, Liege, Roermond gibt es extra Stempel in den Hauptkirchen für den Pilgerpass, so dass man nicht auf die Bürozeiten warten muss, da es sich nicht um ein Siegel handelt, dass verschlossen aufbewahrt werden muss. Und jedem kleinen Kuhdorf in Belgien bekommt man den Stempel jederzeit, indem man einfach beim Pastor neben der Kirche oder wie in Signy-l'Abbaye irgendeinen "Offiziellen" Sonntag morgends aus dem Bett klingelt. Naja, Köln ist halt was besonderes, da kann man doch wohl erwarten, dass sich die Pilger an die Geschäftszeiten halten. Wie ich noch lernen sollte, ist es in Altenberg genauso. Ich befürchte, das das eher die Regel und Aachen die Ausnahme ist.

Ich schminkte mir den Stempel des Kölner Doms ein für alle Mal ab, da ich damit rechnete den Weg an einem Samstag fortzusetzen.

Vom Dom aus ging es die Treppe runter zum Hauptbahnhof, wo mich denn endgültig die WM einholte:

Was mir positiv auffiel als ich einen Kaffe im Bahnhof trank, war das die Anzeige für die Stadtbahn bereits einen Tag vor dem Portugalspiel dreisprachig die Uhrzeiten und Linien vom HBF zum Müngersdorfer Station anzeigte.

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