Nemesis und Mittelaltermarkt

5. Tag - 01.07.2006 von Hilgen nach Remscheid/Rheinshagen

Lange habe ich es jetzt vor mir hergeschoben, den Bericht über den inversen Jakobsweg, „zurück in die Kindheit”, fertig zu stellen. Die letzte Teiletappe bin ich nur vor ziemlich genau einem viertel Jahr gelaufen. Seitdem habe ich sogar schon den Wicklow Way und das erste Drittel des South Leinster Way in Irland absolviert und auch darüber noch nicht geschrieben. Natürlich ist das kein Zufall und auch das Argument „keine Zeit” kann ich wohl kaum für den Zeitraum von drei Monaten in Anspruch nehmen. Vielmehr liegt es daran, dass ich hoffe, mit dem Bericht hier etwas abzuschließen, was ich eigentlich schon bei der Wanderung zum Abschluss gebracht haben wollte, aber was nicht funktioniert hat. Genauso wenig wird mir das wohl jetzt, beim Schreiben gelingen:

Mit Remscheid verbinde ich nicht die angenehmsten Erinnerungen meines Lebens und auch wenn ich die Stadt vor über 12 Jahren sozusagen final verlassen habe, so hat sie mein Leben doch über 22 Jahre meines Lebens mit geprägt. Obwohl sie, zugegeben, im Laufe der Jahre immer mehr in den Hintergrund getreten ist. Und natürlich ist es nicht die Stadt selbst, noch nicht einmal deren Einwohner, deren ich mich schon ab dem Alter von 11 Jahren durch den Weggang ins Internat zunehmend entfremdete, womit ich so unangenehme Erinnerungen verbinde, sondern es sind die vielen kleinen menschlichen Verletzungen und das große Finale Disater, die ich dort mit einigen wenigen erlebte, wie ich sie nirgendwo sonst erfahren habe. Diese negativen Erfahrungen sind es, die ich in ihrer Gänze auf die unschuldige Stadt spiegle und von denen ich hoffte, dass ich innerlich mit ihnen würde Abschließen können, wenn ich zu ihrem „Ursprung” zurückkehre. Vielleicht liegt es daran, dass es mich nicht gelungen ist, dass ich zum wahren Kern nicht vorgedrungen bin (sprich vorbeigegangen oder besser noch hingegangen) sondern nur in rund 500m Luftlinie dran vorbei - Feigling!

Doch all das gehört hier natürlich gar nicht hin, komme ich lieber zum eigentlichen Punkt, der Erzählung über den Weg - und der war im Grunde gar nicht schlecht, nein, ich korrigiere, der war sogar richtig gut.

Die Tagesetappe war kurz, gerade mal halb so weit wie der Vortag. Das hatte ich auch bewusst so gelegt: zum einen wollte ich einige Zeit auf dem Mittelaltermarkt auf Schlossburg verbringen zum anderen war ich für den Abend noch mit einem befreundeten Pärchen in Köln verabredet, wo ich auch übernachten wollte.

Los ging es nach dem Aufstehen und einem einsamen Frühstück, ich war offensichtlich der einzige Gast des Hotels, wie gewohnt um kurz vor 10. Schon nach ein paar Metern ging es den Berg runter und auch wieder in den Wald, zumindest für kurze Zeit. Dann kam wieder etwas Siedlung und dann endlich wirklich Wald, nahezu durchgängig bis Schlossburg, eigentlich sogar bis Remscheid selbst, sieht man von dem kurzen Stück die Burg runter mal ab.

Der erste „markante” Punkt war die Sengbachtalsprerre. Die haben die Solinger wirklich gut versteck, aber ich habe sie trotzdem gesehen - von „Weitem”, durch die Bäume. Ich hoffe nur, dass ich mit der Veröffentlichung des Bildmateriales jetzt keine städtischen Geheimnisse Preis gebe oder ihre Lage verraten habe, die weiterhin geheim bleiben sollte.

Von der Talsperre aus, ging es wieder den Berg rauf nach Höhrath, vorbei an einem Ehrenmahl inkl. Turmbau zur Schlossburg (oder heißt es „nach Schlossburg”?). Wo ich nach ca. 2 Stunden ankam. Es war auch trotz WM und tropischer Hitze gut etwas los. Der Außenbereich der Burg, wo auch Händler ihre Wahren feilboten, war sogar eintrittsfrei.

Dort angekommen suchte ich mir erstmal einen Getränkestand, wo ich gleich erstmal meinen Flüssigkeitshaushalt mit Mineralwasser ausgeglichen habe und mit dem Händler ausmachte, dass ich dort meine Trekkingklamotten unterstellen könnte. Ich wechselte also geschwind mein Aussehen und verwandelte mich vom hochmodern ausgerüsteten Trekker in einen mittelalterlichen Mönch - gut ich weiß auch nicht, wie sich ein mittelalterlicher von einem modernen Mönch unterscheidet, scheint sich deren Kutte doch durch die letzten Jahrhunderte recht resistent gegen jegliche modische Periode erwiesen zu haben. „Neu” eingekleidet zahlte ich meinen auf die Hälfte reduzierten Eintritts-Obulus und begab mich in die inneren Höfe der Burg (wieso das Ding Schlossburg heißt, kann ich nicht sagen, Burg ist klar, aber „Schloss”??).

Es war das erste Mal, dass ich alleine zu einem Mittelaltermarkt gegangen bin, auf dem ich niemanden zu kennen glaubte, ich sah mich schon gelangweilt nach nicht mal einer halben Stunde weiterziehen. Aber da sollte ich mich täuschen. Ich war noch nicht lange in der Burg und hatte mir gerade mal einen Überblick über den ersten Burghof verschafft, als ich im zweiten auch schon einen Zuber entdeckte und im Zuber saß - wer hätt’s gedacht - „Zuberkönig” Mariö (nein kein Tippfehler), von einigen auch liebevoll „das Glöckchen” genannt - aber das gehört hier wohl kaum hin. Er saß, wie immer, im Zuber und machte obzöne Zeichen, als er mich sah (siehe Foto). Eigentlich hätte ich es ahnen müssen:

Mittelaltermarkt + Umgebung von 350km + Zuber = Mariö

Später, als er den Zuber verlassen hatte, sah ich, dass er auch hier, in der Fremde, fleissig Werbung für uns Veytaler machte, er hatte unser Wappen an seinem Gürtel befestigt. Auch die Zuberfrauen und einen Händler kannte ich. Soviel zum Thema: „ein Mittelaltermarkt, wo mich keiner kennt”.

Aber es gab auch Händler, die ich nicht kannte. Bei einem bestellte ich gleich ein Brustkreuz: versilbert, aus Kupfer getrieben. Bei einem anderen kaufte ich einen weiteren Ring für mein Outfit. Letzterer hielt auch regelmäßig kleine Vorträge zu Themen rund um das Mittelalter. Den zur „Karte von Ebstorf” hörte ich mir an. Die Idee - und auch der Vortrag - gefiel mir so gut, dass ich sie, die Idee, später kopieren sollte und bei unserem Turnier auf der Eyneburg Ende August eine Vortragsreihe zum Thema Inquisition gehalten habe. Endlich mal eine „mittelalter” Aktivität, die mir liegt.

Ich trieb mich noch ein wenig länger auf der Burg rum, plauderte mit dem ein oder anderen und anstatt, wie befürchtet, bereits nach 30 Minuten aus Langeweile aufzubrechen, ging ich erst nach 2 ½ Stunden aus Zeitmangel, schließlich hatte ich ja noch die Verabredung in Köln.

Zurückverwandelt in einen Wanderer ging es den steilen Burgberg runter, vorbei an vielen Fachwerkhäusern, wie sie für die Gegend typisch sind. Im Tal angekommen, zweimal über die Wupper und weiter bis zur Müngstener Brücke.

War es bis Schossburg eher einsam auf der Wanderung gewesen, so war es auf dieser Teiletappe das genaue Gegenteil. Spaziergänger und Radfahrer ohne Ende. Na gut, die Strecke ist auch schön und für’s Bergische vergleichsweise Eben.

Hinter der Müngenstener Brücke ging es erneut über die Wupper und anschließend steil den Berg rauf. Erst zu Hause, als ich die Daten des GPS ausgelesen hatte, stellte ich erstaunt fest, dass Remscheid/Rheinshagen höher liegt als Schlossburg, ich hatte irgendwie immer das Gegenteil angenommen. Wahrscheinlich des steilen Aufstiegs wegen, war ich wieder für mich alleine bis kurz vor dem Waldfriedhof. Die Strecke hatte ich so ausgewählt, dass ich eigentlich hinter/unter dem Friedhof hatte herlaufen wollen, um „die kritische” Zone zu meiden. Jedoch „verlief” ich mich, was ich zwar nach wenigen Metern feststellte, jedoch beschloss ich, das als Zeichen zu verstehen.

Ich ging also am Zaun des Friedhof entlang Richtung Ehrenmal, das zweite des Tages, machte einen Abstecher auf den Friedhof selbst, zu der Stelle, wo einmal das Grab meiner Mutter gewesen war, und ging weiter bis zu den Sportstätten. Kurz drauf legte ich eine weitere Pause in einem Kaffee ein, dass ich „noch” nicht kannte, was nichts heißen will, schließlich war ich in den vergangenen 12 Jahren nur 1x kurz hier gewesen, trank dort einen Kaffe und aß - wie es sich gehört - eine Waffel mit Milchreis.

Während der Rast überlegte ich, ob ich an meinem Kindergarten bei der ev. Kirche vorbei oder die Strecke über die Marathonstraße und meine Grundschule wählen sollte. Sicher war ich mir nur darin, dass ich am ehemaligen Haus meiner Eltern vorbei und anschließend dem Anfang unserer alten Familienradtour entlang zum Güldenwerter Bahnhof wollte. Ich entschied mich für die „sichere” Strecke über die Kirche, die zwar ein Umweg war, aber so reduzierte ich die Wahrscheinlichkeit jemandem zu begegnen, der mich hätte „erkennen” können. Ich war auch so schon viel zu tief in „Feindesland” eingedrungen. Trotzdem habe ich eine Autofahrerin gesehen, deren Gesicht mir bekannt vorkam und auch sie, schaute mich an, als hätte sie mein Gesicht erkannt, könnte es jedoch nicht zuordnen.

Bei der Kirche neben dem Kindergarten schellte ich, um einen Stempel für den Pilgerpass zu bekommen, jedoch war keiner da. Auf dem Weg zu meinem Elternhaus kam ich am Haus meiner alten Kinderärztin zurück. Wahrscheinlich war ich einer ihrer letzten Patienten, da sie schon zu meiner Zeit alt war, na gut, mir kam es zumindest so vor. Und ich kann mich noch daran erinnern, dass sie aufhörte zu praktizieren. An dem Haus ist bis heute aber noch ein Schild mit ihrem Namen und dem Hinweis "Temin nur nach Vereinbarung".

Auf dem Weg zu meinem Elternhaus versuchte ich mich an unsere alte Hausnummer zu erinnern, ich war mir fast sicher, dass es 3 oder 4 sein müsste, war es doch das zweite Haus der Straße. Enttäuscht stellte ich fest, dass ich wohl Hirnfrass habe, es war 34, na ja, man kann sich ja auch mal irren.

Das Haus war in einem guten Zustand, der Garten wirkte gepflegt nur vom alten Kirschbaum, an dem wir früher Cowboy und Indianer gespielt hatten, war nur noch der Stumpf da. Er fehlte mir. Geklingelt hab ich nicht, nur ein paar Fotos gemacht und dann weiter zum Bahnhof.

Dort stellte ich „entsetzt” fest, dass direkt vom Bahnhof aus eine Unterführung zur Hauptstraße gebaut wird. Früher - also zu meiner Zeit - musste man erstmal hinter den Gleisen lang Richtung Innenstadt, an der kath. Kirche vorbei, bis man zur Hauptstraße kam, erst dann konnte man Richtung Rheinshagen laufen - wenn man auf der anderen Seite der Hauptstraße wohnte. Ein Umweg von bestimmt 500m den ich wie weiß wie oft in meinem Leben gelaufen bin - es sei denn das Tor des Altwarenhandels zwischen Bahnhof und Straße stand offen, dann konnte man über die Gleise und den Hof abkürzen.

Zu meinem Erstaunen, musste ich noch nicht einmal lange auf den Zug warten. Ich rief noch kurz meine Freunde in Köln an und zurück ging es mit der Bahn über die Müngstener Brücke mit dem Blick auf das malerische Wuppertal im Bergischen Land.

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