So beginnt es

1. Tag - 16.07.2005 von Aachen nach Thimister-Clermont

Man sagt, jeder Weg beginne mit dem ersten Schritt. Nun bei mir und dem Jakobsweg war dem vielleicht auch so, aber mehr als die drei oder vier Schritte aus meiner Haustüre hinaus, bin ich zunächst nicht gekommen. Dann hieß es erstmal darauf warten, dass mein GPS genügend Sateliten gefunden hat, damit mir - dem Statistikfanatiker - auch kein Meter durch die Lappen geht. Die Zeit nutzte ich für eine letzte Zigarette bevor es denn wirklich losging. Ich könnte also sagen: mein Jakobsweg begann mit einer Zigarette, danach folgte dann der wahrhaft erste Schritt.

Aber auch dieser Schritt lag noch nicht auf dem Jakobsweg, dafür musste ich zum Aachener Dom. Zugegeben, das sind nur einige hundert Meter, doch korrekter Weise beginnt dort erst der Jakobsweg. Auch wenn ich kein religiöser Mensch bin, empfand ich es als einen passenden Anfang, in den Dom zu gehen und ein kurzes Gebet zu sprechen. Schaden kann so was ja nicht. Doch ich musste entdecken, dass der Dom erst ab 12:30h besucht werden darf, und bis dahin war es noch einige Zeit. Ich wich auf die gegenüberstehende St. Foillan Kirche aus. (Wer ist dieser St. Foillan eigentlich?) Von da ging es zurück zum Eingang des Doms, pünktlich zum Ende der Messe. Der Dom ist nun mal der Dom, also auch da noch mal rein, das Gebet wiederholt (man weiß ja nie) und los ging es.

Zunächst geht es über die Rennbahn zur Jakobsstraße. Eigentlich passend: einen schweren Rucksack auf dem Rücken und mitten durch die Touris und das nennt man dann „Rennbahn”. Als ich an einer Apotheke vorbeikam, dachte ich mir, ich könnte mir noch ein wenig Hirschtalg für die Füße kaufen, aber leider hatten die das nicht. Direkt danach traf ich auf Christiane und Norbert, die gerade auf Frühstücksbrötchenjagd waren. Die beiden sind den Montag drauf mit auf einen mittelalterlichen Herzug von Kelmis nach Brüssel ebenfalls zu Fuß unterwegs, auf den ich eigentlich auch mitgesollt hätte. Ich hatte Norbert jedoch, der schlampigen Orga wegen (nicht seine Orga!), abgesagt und gemeint unsere Wege würden sich zwar kreuzen, von Kelmis nach Brüssel bzw. Aachen nach Liege, aber da wir um zwei Tage versetzt gingen, würden wir uns wohl kaum auf dem Weg begegnen. So kann man sich täuschen.

Weiter ging’s in den Aachener Wald und da hab ich dann auch gleich meine erste Heldentat vollbracht: in meinem Hauswald hab ich mich verlaufen und zwar richtig. Als ob ich die Strecke noch nie gegangen wäre.

Nachdem ich den Weg wieder gefunden hatte, ging es dann fehlerfrei bis Moresnet-Chapelle weiter, wo ich erst einmal eine kurze Pause eingelegt habe. Als ich meinen Rucksack ablegte hatte und mir ein Snickers und was zu trinken aus meinem Rucksack raussuchte, setzte sich eine Frau neben mich. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sie was von mir wollte. Ich hab sie allerdings standhaft ignoriert und ebenfalls nicht angesprochen. Irgendwann ging sie dann, ich war fast schon erleichtert, warum ist mir unklar, vielleicht weil ich gerne alleine bin? Plötzlich sprach sie mich von hinten an und gab mir zwei Flaschen Mineralwasser. Kurz, fast schon gehetzt, erklärte sie mir auf Deutsch, sie würde auch gerne Wandern und Getränke, insbesondere bei so einer Hitze, wären immer gut. Sprach’s, drehte sich um und ging zurück zu ihrem Auto. Als sie abfuhr, habe ich ihr noch nach gewunken und mich geärgert sie nicht angesprochen zu haben. Sie hätte sich vielleicht ebenso darüber gefreut, wie ich mich über das Wasser.

Leider hatte ich zu dem Zeitpunkt nur eine ungefähre Wegbeschreibung aus einem Blog von einem „Pilger_Friedrich”, die ich im Internet gefunden hatte. Sein Ziel ist es natürlich nicht, eine Anleitung des Weg zu beschreiben, genauso wenig, wie ich das hier mache, also hilf sie mir nicht weiter. Ein Plan am Platz vor der Kirche gab auch nur ungefähr Auskunft. Also fragte ich zwei Nonnen, ob sie mir weiterhelfen könnten. Sie konnten das zwar nicht, da sie auch ortsfremd waren, jedoch ein Mann, der in Hörweite in einem Cafe saß, wusste bescheid. So kam ich ohne Umweg nach Moresnet selbst. In Moresnet hab ich mich dann aber gleich wieder verlaufen. In der Wegbeschreibung hieß es, der Weg ginge entlang der Göhl, ich bog falsch hab. Wenn auch nicht der letzte Umweg des Tages so doch das letzte Mal, dass ich mich verlaufen habe.

Wie gesagt, ohne mich weiter zu verlaufen kam ich letzten Endes nach Clermont. Dort hatte sogar die Touristeninfo noch offen. Eine Schülerin verdiente sich da im Urlaub etwas dazu, konnte mir bzgl. des Zeltplatzes, den es angeblich geben sollte, jedoch nicht weiterhelfen. Wenigstens sprach sie Deutsch, denn obwohl es deutschsprachige Belgier gibt, hatte ich diesen schmalen Bereich schon lange verlassen. Sie telefonierte mit ihrer Mutter, ob die was wisse. Das Gespräch begann mit den Worten „Mama, hier ist schon wieder son Pilger...”. Eigentlich hatte ich angenommen, das dieser Weg ziemlich selten beschritten wird und vielmehr der Weg über Trier (von Köln aus) oder Brüssel (von Holland aus) genutzt würden, aber auf meine Nachfrage meinte sie, hin und wieder kämen welche (Pilger) vorbei, meist Holländer mit dem Fahrrad. Sie reichte mir das Telefon und ihre Mutter meinte, ich solle mit ihrem Mann vorbeikommen, der die Tochter jetzt abholen würde, sie würde schon was finden. Da die Touri-Info erst in 10 Minuten schließen würde, ging ich noch nebenan in die Kneipe ein Wasser trinken. Dort unterhielt ich mich mit einem alten Belgier: er konnte weder Englisch noch Deutsch und ich kein Wort Französisch, trotzdem war es irgendwie nett.

Danach ging es also zu der Familie Koenen nach Hause, so hießen sie. Ich bekam eine Apfelschorle und die Mutter telefonierte noch ein wenig, während ich mit Mann und Tochter Smalltalk auf der Terrasse mit fantastischer Aussicht machte. Es wurde ein Bauer gefunden, auf dessen Feldern ich würde übernachten dürfen. Ein Mann für eine Nacht wäre nie ein Problem, erst bei mehreren Tagen würde es problematisch, wegen der Kühe.

Ich bekam den Weg erklärt, der fast komplett auf dem Ravel zurück nach Clermont ging, nach Thimister. Der Ravel ist ein Netz „der langsamen Wege”, so wurde mir erklärt, soll heißen ein Wegenetz für Fußgänger, Fahrradfahrer und Reiter, das irgendwann mal ganz Belgien (bis Aachen) erschließen soll.

Es waren noch mal fünf Kilometer zurück, von Clermont bis Thimister sind es 1000m Luftlinie. Glaubt man der Wegbeschreibung vom Outdoor Reiseführer, wären es von Aachen bis dort ca. 24km gewesen, ich hab’s in bald 38km geschafft.

Erfreut stellte ich fest, dass der Bauernhof direkt am Jakobsweg liegt. Allerdings traute ich mich nicht über den Zaun zu steigen, da ich mir bzgl. des Hofes nicht 100%ig sicher war. Der Bauerssohn mähte jedoch gerade die Weide und ließ mich rein.

Ich wurde freundlich empfangen und außer der Mutter wohl der ganzen Familie inkl. Knecht vorgestellt. Keiner sprach etwas anderes als Französisch. Trotzdem bekam ich mein Wasser und einen Zeltplatz zugewiesen. Den, den ich mir ausgesucht hatte, wäre nicht gut, wurde mir erklärt, es würde die Nacht ggf. noch regnen und ich solle auf eine gemähte Wiese unter einen Baum, das wäre besser. Erstaunlich wie gut die Verständigung klappt, auch wenn man sich eigentlich gegenseitig nicht versteht. Der Sohn zusammen mit den Töchern führten mich hin. (Anm. des Autors: der Sohn war eine richtige Sahneschnitte).

Ich baute also erstmalig mein neu erworbenes Zelt auf und gleich brach eine der Stangen an der Verankerung. Zwar hab ich sie irgendwie in der Verankerung verkanten können, aber kurz vorm Einschlafen machte es peng und die Stange sprang wieder raus. Egal es war eine schöne Nacht, dass das Zelt nicht richtig gespannt war, machte also nichts.

Nach dem Essen kroch ich in den Schlafsack und hab gelesen, bis es zu dunkel dazu war. Danach habe ich so tief und fest geschlafen, wie schon lange nicht mehr in einem Zelt ohne sturztrunken zu sein.

nach oben