Warum gibt’s die Maas gleich 2x in Liege

2. Tag - 17.07.2005 von Thimister-Clermont nach Liège

Irgendwann morgens wurde ich wach, schaute auf den Wecker und dachte: halb acht, da kannst du ja noch ne Viertelstunde schön schlafen. Gedacht getan. Gefühlsmäßig wachte ich eine Stunde später wiederum auf und schaute erneut auf den Wecker: es war viertel vor Sieben! Trotz der frühen Stunde beschloss ich ausgeschlafen zu sein und stand auf. Während des Frühstücks wurde ich wie schon am Abend zuvor von den Kühen, oder vielmehr Ochsen, neugierig beäugt. Sie schienen unsicher zu sein, ob das mit mir alles so seine Richtigkeit hatte. Ein Versuch sie zu streicheln schlug fehl. Ich ärgerte mich darüber, dass ich den Tee vergessen hatte und mit normalem Wasser vorlieb nehmen musste. Aber gut, man kann nicht alles haben, Tee habe ich auch zu Hause, aber Doppelsteifochsen (in jedem Ohr einen gelben Knopf mit Nummer) gibt’s daheim nicht.

Nach dem Frühstück habe ich „zügig” abgebaut, mich noch bei 2512 bedankt, wie ich den neugierigsten Ochsen genannt habe, schließlich stand das in beiden Ohren und bin wieder aufgebrochen. Natürlich nicht ohne mich bei dem Bauern zu bedanken und ihm Geld für die Übernachtung anzubieten, dass er jedoch rundheraus ablehnte. Zum Abschied gab es noch ein „Auf Wiedersehn” von ihm und ein „Au revoir” von mir, womit sich unsere Kenntnisse der Sprache es jeweils anderen aber wahrscheinlich auch schon fast erschöpften.

Weiter ging es zunächst über den Ravel bis nach Micheroux sehr zügig voran. Zwischendurch kam ich noch über einen Trödelmarkt, wo ich mich in einer Bäckerrei nebenan mit Getränken versorgte. Gemäß den Schildern musste ich quer über den Markt, und anschließen weiter gerade aus. Das kleine Problem an der Sache war nur die Fabrik die mir für den gewiesenen Kurs im Weg stand. Ich beschloss sie zu umgehen, zunächst links herum, was sich natürlich als falsch herausstellte, also rechts dran vorbei. Wenn man es weiß, stehen da sogar Wegweiser für den Ravel.

Kurze Zeit später verlässt der Jakobsweg den Ravel und dafür geht es dann im wahrsten Sinne des Wortes „über die Dörfer” weiter. Dazu noch ein wenig die Berge rauf und runter, über eine Dorfkirmes und vorbei an einem ziemlich skurril anmutenden Berg. Alles in allem nichts, was man gesehen haben muss. Den Weg hätte man problemlos auf dem Ravel weiter bis Liège laufen lassen können, währe einfacher zu laufen gewesen, weniger Straße und letztlich etwas schöner. Was sich die Erfinder bei diesem faktischen Umweg gedacht haben, wird mir wohl ewig verschlossen bleiben.

Nach der Dorfkirmes in Jupille ging es steil den Berg runter, wo gerade eine Treppe angelegt wurde, die Hälfte war sogar schon fertig. Am Fuße des Berges steht man dann auch schon mitten in Liège. Die nächsten spannenden Kilometer geht es durch die Vororte vorbei an fantastischen Plattenbauten. Offensichtlich ein echter Exportschlager der ehemaligen DDR. An den Bauten geht es noch vorbei bis zum Fluss, den es anschließend lange entlang geht. Leider hören hier die Schilder des Weges auf. Was dann auch gleich dazu führte, dass ich ein wenig durch Liège irrte. Ich beschloss dem zu folgen, was mein GPS für die Stadtmitte hielt. Kurz bevor ich dort angekommen war, gab es dann auch einen Stadtplan. Allerdings habe ich den so wenig verstanden, wie alle anderen Karten dieses Landes. Vor allem bin ich nicht auf die Idee gekommen, dass es zwei Flüsse in Liège gibt. Können die Aachen nicht einen davon abgeben? Auf jeden Fall orientierte ich mich falsch und bin erst ein wenig zurück- und dann verlaufen.

Das war schon eine ziemlich seltsame Gegend durch die ich da geirrt bin, und ich war froh dass es mitten am Tag war. Liège hatte ich gegen 13:30 erreicht. Irgendwann gab ich verzweifelt auf und beschloss nur noch den Bahnhof zu suchen, den ich leider genauso wenig fand. Also setzte ich mich in ein Eckcafe an der Maas und bestellte ein Wasser. Am Tisch nebenan saßen eine Frau und ein alter Mann zusammen. Die Frau sprach mich an und wies mich darauf hin, dass ich ziemlich blauäugig wäre, mit irgendwas in der Seitentasche der Wanderhose, hier würde alles geklaut. Als ich meinen Fotoapparat daraus hervorzauberte, bekam sie fast einen Herzinfarkt und erklärte mich vor total bekloppt. Wir unterhielten uns ein Wenig. Naja, was man so unterhalten nennt, wenn sie kaum Deutsch verstand und gar nicht sprach, ich überhaupt kein Französisch. Aber da sie Niederländisch konnte, konnte ich sie ganz gut verstehen. Leider verstehe ich diese Sprache nur kann sie aber nicht sprechen, darum war die Verständigung recht einseitig aber irgendwie trotzdem ganz nett. Ich schaffte es sogar, sie nach dem Bahnhof zu fragen und eine Wegbeschreibung zu bekommen.

Dieser Wegbeschreibung folgend brach ich ein weiteres Wasser und einen Kaffe später wieder auf. Auf dem Weg zum Bahnhof kam erwachte meine Orientierung wieder aus ihrem Mittagsschlaf und ich glaubte zu wissen, wo die Kirche St. Jacques zu finden ist. Diesmal täuschte mich meine Vermutung nicht und ich fand erst die Wegzeichen wieder und dann die Kirche.

Da ich den Weg in einer, streng genommen in zwei Kirchen begonnen hatte, fand ich es passend, den Weg auch dort zu beenden, also bin ich rein. Die Kirche ist wirklich beeindruckend.

In der Kirche traf ich Captain Jack, der mich gleich ansprach und auch sehr gut Deutsch sprach. Er war vor Jahren mal den Jakobsweg gegangen und scheint den seitdem zu seiner persönlichen Berufung gemacht zu haben. Er erzählte, dass er eine Herberge betreue, in der man umsonst übernachten könnte und auch was zu Essen und einen Wein bekäme. Er dürfe auch den Pilgerpass abstempeln, was mir natürlich nicht weitergeholfen hat, da ich noch keinen hatte. Er erzählte auch, dass er vor dem Europaparlament bzw. beim Europarat einen Termin hätte, wo er fordern wolle, dass Jakobspilger in allen Restaurants entlang des Weges umsonst essen dürften. Na, ich glaub nicht dran, dass er damit durchkommt, aber was immer er erreichen wird, mit Sicherheit auch ein Wenig Aufmerksamkeit. Schaden wird es also nicht. Ich musste ihm Versprechen, nach im zu Fragen, wenn ich in der nächsten Woche wiederkäme, damit er meinen Pass abstempeln könne. Ich befürchte daraus wird nichts, es wäre schon ein großer Zufall, wenn ich ihn wieder treffen würde. Aber wer immer meinen Ausweis abstempelt, ich werde ihm auftragen, Captain Jack meine besten Grüße und meine aufrichtige Entschuldigung zu übermitteln.

Von der Kirche ging es auf dem kürzesten Weg zum Bahnhof. Dort hab ich mir eine Karte zurück nach Aix-La-Chapelle gekauft. Die Zeit bis zur Rückfahrt habe ich in einem Cafe gegenüber vom Bahnhof überbrückt. Und schon ging es nach Hause.

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