Kurzer Weg zur Zahnärztin

5. Tag - 30.07.2005 von Huy nach Andenne

So langsam komme ich in Übung: am Samstag stand ich schon die dritte Woche in Folge eher auf als in der Woche und das mir! Wieder ging es zum Bahnhof, dieses Mal hatte ich aber von vornherein geplant mit der Regionalbahn nach Liege zu fahren. Von dort ging es weiter nach Huy. Vom Bahnhof bis zur Kirche Notre Dame ist es nur ein knapper Kilometer und schon war ich wieder auf dem Jakobsweg. Mittlerweile schon routinemäßig organisierte ich mir den Stempel und zog los.

Anders als bei der Ankunft in Huy, wo man ewig durch die Ausläufer der Stadt wandert, bevor man das Zentrum erreicht, hat man es relativ schnell wieder verlassen. Danach geht es dann erstmal hinter den Häusern her anschließend eine „Hohlgasse” steil den Berg rauf. Oben auf dem Berg läuft man einige Zeit über den Asphalt bevor es dann endlich in den Wald geht. Dieser Teil ist ganz schön man geht mehrere Kilometer an einem Bach langsam den Berg hinauf und trotz der Ferien und dem Wochenende begegnet man kaum Menschen, leider hat der Weg davon zu wenig Teilstrecken und zu viel Straße für meinen Geschmack.

Nach dem Wald kommt man für lange Zeit wieder in die Zivilisation zurück bis es dann wieder über einen Feldweg runter zur Maas geht. Das letzte Teilstück führt entlang der Maas auf dem Ravel. Da ich an diesem Tag nicht besonders weit gelaufen war und es auch noch vergleichsweise früh am Tag war, überlegte ich, ob ich weiterlaufen sollte, und so die Etappe des nächsten Tages ein wenig verkürzen sollte. Da jedoch keine Unterkunft bis kurz vor Namur in meinem Reiseführer verzeichnet war, beschloss ich in Andenne die TI aufzusuchen und nach einem Campingplatz zu fragen. Das Mädchen erklärte mir, dass es keinen solchen gäbe, aber ob ich vielleicht ein Jakobspilger wäre, dann hätte sie eine Liste von Leuten, bei denen ich für kleines Geld übernachten könnte. So kam ich zu Familie B., vielmehr Frau B., einer Zahnärztin, und ihren beiden Söhnen. Die Dame des Hauses war zwar nicht zu Hause aber ihr ältester Sohn nahm mich in Empfang. Er muss mich gesehen haben, als ich am Haus vorbeigelaufen bin, denn er kam mir die Einfahrt hinunter entgegen.

Wie sich herausstellte, war es eine doppelte Premiere: ich hab das erste Mal bei Leuten übernachtet, die so etwas anbieten und auf der anderen Seite war ich der erste, den sie aufnahmen. Der Sohn wusste noch nicht mal welches Zimmer ich bekommen sollte. Zunächst einmal wechselte ich das schwitzige T-Shirt gegen ein frisches und wusch mich, schließlich wollte ich nicht stinkend den ersten Eindruck machen, danach gab’s ein wenig Small-Talk mit dem Sohn. Nachdem die Mutter wieder nach Hause gekommen war, bekam ich denn auch mein Zimmer zugewiesen inkl. Bett und frischem Bettlaken. Frisches Bettzeug konnte ich so gerade noch verhindern mit dem Verweis auf meinen Schlafsack. Irgendwie war mir das schon unangenehm so bei wildfremden Leuten auch noch unnötig Umstände zu machen. Am liebsten wäre mir wohl gewesen, wenn man mir wie in Thimister ein Stück Rasen zum zelten zugewiesen hätte und es dabei belassen hätte, aber das wäre wohl so richtig unhöflich gewesen. Später wurde ich dann sogar zum Abendessen eingeladen: vegetarische Spaghetti Bolognese. Ich frage mich ja immer noch, warum (einige) Vegetarier, wenn sie schon kein Fleisch essen, es dann so aussehen und schmecken lassen wie Fleisch - ich schätze das „Gehacktes” im Ragout war Tofu. Trotzdem, na gut, auch weil es wirklich schmeckte, nahm ich zwei Mal, der Weisheit meines kanadischen Onkels folgend: „Wenn dich jemand zum Essen eingeladen hat, iss bis du platzt. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: a) man hat dich gerne eingeladen, dann freuen sie sich, wenn sie sehen, dass es dir schmeckt und b) man hat dich nicht gerne eingeladen, dann sollen sie sich wenigsten ärgern, es überhaupt getan zu haben”. Genau genommen, hab ich einen Kompromiss gemacht, ich hab zwei kleine Portionen genommen.

Im Anschluss an das Essen hab ich mich zunächst mit Fr. B. unterhalten bis sie einen Anruf einer Freundin bekam. Daraufhin hab ich mich auf die Terrasse zurückgezogen und gelesen, bis es zu kalt dafür wurde. Bis dahin war das Telefonat aber auch beendet und wir haben uns weiter über Gott und die Welt unterhalten. Irgendwann kam der jüngste Sohn dazu, der zwei Tage später mit den Pfadfindern in ein Zeltlager aufbrechen wollte, wir mir die Mutter erklärte. Daraufhin hat er machte er detaillierte Zeichnungen wie sie ihre Zelte aufbauen wollten und demonstrierte mit Schnürsenkeln und zwei Messern, welche Knoten sie dafür verwenden würden. Die Mutter meinte scherzhaft, das wäre jetzt aber eine besondere Ehre für mich, ihr würde er so was nie erklären. Vielleicht lag es daran, dass ihn mein Vorhaben hunderte von Kilometern zu laufen beeindruckt hatte, wie muss es wohl auf einen überzeugten, vierzehnjährigen Pfadfinder wirken, der seit neun Jahren dabei ist, jemanden zu begegnen der nur mit einem Rucksack bewaffnet quer durch Europa laufen will? Aber das ist nur eine Vermutung. Wie immer, wenn ich unterwegs bin, ging es dann recht früh ins Bett, wo ich es genossen habe, noch ein paar Minuten im Licht einer Bettlampe zu lesen.

nach oben