Der Tag des Umwegs

8. Tag - 07.08.2005 von Rivière nach Dinant

Es gibt Tage für alles Mögliche: einen Tag des Kindes, einen Tag des Nichtrauchens, Geburtstage, Namenstage, Gedenktage, Tage der deutschen Einheit und seit dem 7. Augusts des Jahres 2005 gibt es in meinem persönlichen Kalender noch einen weiteren Gedenktag: Den Tag der Umwege.

Wenigstens den ersten Umweg und steilen Berghang habe ich mir gespart, anstatt wieder zurück zur Kirche zu laufen, setzte ich den Weg dort fort, wo ich am Tag zuvor wieder auf ihn gestoßen war, was nicht verhindert hat, dass es trotzdem erstmal noch kräftig berg aufging. Oben am Funkturm angekommen, gibt es ein Restaurant mit Aussicht "Les Sept Meuses" - oder so ähnlich, man entschuldige mein nicht vorhandenes Französisch. Nun die Aussicht wäre bestimmt phantastisch, wäre da nicht der Zaun um eben jenes Restaurant und der Wald der einem die Aussicht versperrt, sobald der Zaun wieder aufhört. Dafür geht es nach einem mühseligen Aufstieg auf Asphalt einen schönen Waldweg in vielen Serpentinen wieder hinunter. Unten kommt man dann nach 5 ½ km und etwa 1 ½ Stunden in Godinne an, was geschlagene 1,1 km von Rivière entfernt liegt. Wer dem Fahrradweg gefolgt wäre hätte nicht mal eine Viertelstunde gebraucht.

Dieser Umweg sollte symptomatisch für den Rest des Tages werden. Von Rivière nach Dinant sind es 15km laut Straßenschild, folgt man dem Wanderpfad so sind es fast 30 km, allerdings kommt man an einigen recht schönen Stellen vorbei und es geht viel über Feld- und Waldwege, was den Umweg lohnenswert macht. Wer aber nur möglichst schnell nach Santiago will, sollte dem Fahrradweg (Ravel) entlang der Maas folgen, dann kann er diese Etappe in drei Stunden schaffen, den Weg über Dinant hinaus noch am selben Tag fortsetzen und so viel Zeit sparen.

In Godinne überquert man die Maas über die Brücke, Wegweiser hab ich keine Gesehen und die Beschreibung im Buch ist nicht ganz stichhaltig, da sie empfiehlt zum Fluss zu gegen. Das sollte man lieber lassen und gleich zur Brücke laufen, man muss eh rüber. Kaum hat man die Brücke überquert und ist einige Meter ins Ortsinnere gegangen kehrt man an die Maas zurück und läuft entlang der Fließrichtung - also Richtung Rivière - zur Kirche. An der Kirche gibt es einen Wegweiser für den Jakobsweg der zur Kirche hinauf zeigt, für den GR ist ein Symbol (das rot-weiße X) angebracht, dass ausdrücklich darauf hinweist, dass dies nicht der Weg ist. Leider entschied ich mir für den Jakobswegweiser: schließlich war ich ja auf dem selbigen. Wirklich falsch ist das nicht, es sorgte nur dafür, dass ich den nächsten Wegweiser an der nächsten Kreuzung übersah, der nicht zu erkennen war, aus der Richtung aus der ich kam. Fatalerweise sagt die Wegbeschreibung des Buches, man solle die Gleise überqueren und geradeaus gehen, was ich tat. Ich machte so einen Umweg von ca. 1,5 km und fing bei der Kirche wieder von vorne an, diesmal den Wegweiser des Jakobswegs ignorierend. Zu dem Zeitpunkt hatte ich schon mit mir selbst abgemacht, sollte ich an der fraglichen Kreuzung wieder über die Gleise gehen müssen, so würde ich einen kurzen Tag einlegen und entlang des Ravel nach Dinant laufen. Aber dazu kam es nicht.

An der Kreuzung, wo ich den Wegweiser übersehen hatte, fand ich ihn diesmal, da ich aus einer anderen Richtung kam (vom Fluss her, nicht von der Kirche) und es stellte sich heraus, dass man unter den Geleisen entlang gehen muss. Danach geht es dann durch den Wald den Berg rauf nach Yvoir. Kurz bevor ich den Wald verlassen sollte, fing es an zu regnen, ich beschloss eine kurze Pause einzulegen, in der Hoffnung den Schauer im Wald abwarten zu können, was auch funktionierte.

Kurz vor Yvoir geht es den Berg wieder runter, in der Ferne sieht man einen Steinbruch, parallel zu ihm geht es steil den Berg rauf. Danach wird es richtig matschig. Ich fühlte mich schon wieder an Neuseeland erinnert, obwohl der Vergleich hinkt, zwar ging es steil den Berg rauf, aber wenigstens war der Aufstieg nicht matschig und der Matsch konnte recht gut umgangen werden. Nichts was mich wirklich aufgehalten hätte. Gut der Aufstieg hatte es in sich und hat meinen Tagesdurchschnitt an km pro Stunde sicherlich gesenkt, aber der Matsch hatte keine Chance, wofür gibt es schließlich Waschmaschinen und tief genug für meine Schuhe war er auch nicht.

Trotzdem war ich froh oben angekommen zu sein. Danach geht es etwas bergab und gleich wieder bergauf bevor es dann endlich zurück zur Maas nach Huox ging (klingt fast wie Hoax, ist aber real). An der Straße entlang der Maas kurz vor dem Ort angekommen weis wieder einmal ein Wegweiser in Richtung der Strömung. Da das aber an diesem Tag schon vorgekommen war, machte ich mir keine großen Gedanken und ging zunächst in diese Richtung weiter. Schon nach wenigen Metern fing ich ernsthaft an zu zweifeln und ging wieder zurück. Eine weise Entscheidung: irgendjemand hatte den Aufkleber für den Jakobsweg falschherum angebracht, oder wahrscheinlicher abgerissen und wieder falsch aufgeklebt. Mein Versuch selbigen wieder in die richtige Richtung weisen zu lassen schlug fehl, der Aufkleber hielt nicht mehr. Was wahrscheinlich ach daran lag, dass die Leitplanke nass war. Auch gut, seitdem bin ich im Besitz eines echten Wegweisers des Belgischen Jakobsweges und brauch noch nicht mal ein schlechtes Gewissen haben. Wandere nach mir werden den Zeichen des GR folgen und sich nicht verlaufen ?

Huox ist eines jener malerischen kleinen Dörfer, die es entlang der Maas gibt: winzig aber schön. Die Sonne war auch wieder raus gekommen und ich legte eine Rast am Ufer der Maas ein. Ich blickte zurück und nach vorn und dachte mir: die Berge, die kommen, sind niedriger als die, die hinter dir liegen. Neuseeland hätte mich lehren sollen, dass solche Gedanken grundsätzlich völliger Blödsinn sind: die höchsten Gipfel liegen stets für den Wanderer unsichtbar verborgen hinter kleineren sichtbaren Hügeln. Und so war es auch diesmal. Durch den Wald ging es wieder durch den Wald den Berg rauf, diesmal nicht so steil, dafür aber endlos.

Es scheint als wäre dieser Teil Belgiens weniger dicht besiedelt als die Teile, die ich zuvor durchstreift hatte. Alles in allem gibt es immer mehr Landschaft und immer weniger Dörfer und Häuser. Nichtsdestotrotz ist das meiste Land landwirtschaftlich genutztes Weide- und Ackerland, doch die Dörfer werden kleiner und immer häufiger kann man recht weit ins Land hinein sehen, ohne dass überall Häuser herumstehen. Der Weg gefällt mir immer besser.

Zur Abwechslung habe ich wirklich mal an der höchsten Stelle eine Pause gemacht. Dort gab es seltsame Dinge: Kühe, die mit Ponnys auf der Weide standen (hab ich noch nie gesehen) und Pferde mit Lamas. So hoch war ich doch nun wirklich nicht gekommen... oder?

Danach geht es bergab. Angeblich kommt man an einer Ruine vorbei, aber die scheint mittlerweile so weit verwittert zu sein, dass man sie nicht mehr wahrnehmen kann, zumindest mir ist sie entgangen. Dafür läuft man über einen Betrieb und danach einen schmalen Pfad mit weißem Lehm entlang den Berg runter, der ziemlich glitschig ist. Ich bin sogar ausgerutscht, was mir auf dem Jakobsweg jetzt erst zum zweiten Mal passiert ist. Verglichen mit dem NWC ist das ein echt guter Schnitt: 2x in 8 Tagen vs. 8x in 2 Tagen (na gut ich übertreibe).

Kurz bevor man zur Maas zurückkommt, kommt man am Ortseingangsschild von Dinant vorbei. Zu dem Zeitpunkt war ich der festen Überzeugung, dass der Autor das letzte Werksgelände als die Abtei von Leffe bezeichnet hat, zumal er im Buch über die Abtei in der Vergangenheitsform geschrieben hatte, denn seiner Aussage nach liegen zwischen Leffe und Dinant 3km aber ich war ja schon da. Was mich jedoch stutzig stimmte, war, dass ich eine Kirche mit Kreuzgang von oben sehen konnte. Unten bei ihr angekommen stellte sich heraus, dass es wirklich die Abtei von Leffe war.

In der Kirche roch es stark nach Weihrauch, also war hier vor kurzem noch was los, auch wenn kein Mensch mehr darin war. Ich suchte nach dem Eingang und fand ihn. Dort musste ich klingeln und erklärte der Stimme in der Gegensprechanlage, dass ich einen Stempel für meinen Pilgerausweis bräuchte. Ein Bruder in Weiß öffnete die Tür und ich erklärte ihm noch mal auf Englisch, was ich bräuchte. Er nahm den Pilgerausweis und verschwand. Während ich wartet, entdeckte ich ein Bild von einer Edelfrau und einem Edelmann in mittelalterlichen Gewändern, vielmehr eine Fotografie. Ich bin mir sicher, dass es sich um den Maier der Eyneburg dabei handelt, aber das werde ich noch mit Christiane klären.

Während ich wartete kam ein anderer Bruder mit einer Truppe von Touris, die offensichtlich eine Besichtigung des Klosters gemacht hatten in der Vorhalle an, in der ich wartete. Er fragte mich, ob ich wegen einer Übernachtung da sei, ich verneinte. Kurze Zeit später kam mein Bruder mit dem Pilgerpass wieder uns fragte mich in Deutsch, ob ich aus Aachen käme. Wir unterhielten uns noch kurz, wobei ich herausfand, dass es Prämonstratenser sind, die in der Abtei leben und auch er fragte, ob ich nicht zu erschöpft sei. Irgendwie wirkten die beiden Brüder fast schon enttäuscht, dass ich nicht bleiben wollte. Sollte ich noch mal an einem Kloster vorbeikommen, werde ich wohl bleiben, wenn ich wieder so herzlich aufgenommen werde.

Nach der Abtei achtete ich gar nicht mehr auf die Wegzeichen und ging sofort zur Maas, womit ich vom Weg abkam. Egal, ich fand den Bahnhof trotzdem rechtzeitig. So rechtzeitig, dass die Zeit für zwei unvernünftige Biere reichte: ein Leffe Blond und ein Kirschbier, aber ich denke, diese Ausnahme wird erlaubt sein, wenn man schon in der Abtei war, sollte man auch eines getrunken haben, auch wenn die Anstrengung noch keine drei Stunden vorbei war.

So damit ist der Punkt meiner Reise erreicht, wo Wochenendtouren nicht mehr möglich sind. Die Rückfahrt kostete mich drei Stunden und bis Frankreich gibt es keine Bahnhöfe mehr. Ab Frankreich scheint die Bahnverbindung über Paris zu gehen. Ab jetzt werde ich wohl Urlaube opfern müssen und weiter voran zu kommen.

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