Frankreich, zum Ersten

10. Tag - 24.08.2005 von Hermeton-sur-Meuse nach Hierges (F)

Der Morgen begann neblig. Die Berge auf der anderen Seite der Maas konnte ich nicht sehen und über den Fluss selbst zogen dicke Nebelschwaden hinweg. Zudem war es kalt und ungemütlich. Zu meinem Entsetzen stellte ich fest, was ich noch zu Hause vergessen hatte: meinen grünen Tee zum Frühstück. Da mir kalt war, beschloss ich wenigstens warm zu Essen und kochte mir eine Nudelsuppe. Danach wurde abgebaut und es ging los. Der Nebel hatte sich schon ein wenig gelichtet und ich hoffte, dass der Tag doch noch schön werden könnte. Wurde er auch, bis zum Abend war es trocken, erst da fing es wieder an gelegentlich zu regnen.

In meinem Wanderführer heißt es: „Ab hier [Hermeton] bereitet der Wanderweg dem Radfahrer kaum mehr Schwierigkeiten...” Folglich stellte ich mich innerlich auf einige leichte Tage ein, zumindest bis Frankreich war für mich klar: wo Fahrräder mit Gepäck herkommen, komme ich erst recht ohne Probleme lang. Ein Irrtum meinerseits! Das einzige, was ich dem Autor zu gute halten kann, ist dass sich der Weg seit kurzem geändert haben könnte oder er sich verlaufen hat, denn von Hermeton nach Soulme geht es an einem Bach entlang. Der Wanderweg verläuft links des Baches (in Fließrichtung gesehen, da man entgegen dieser läuft, ist der Bach links von einem selbst), am rechten Ufer gibt es, zumindest laut Karte, einen Weg. Da die Karte nur halbwegs ausgebaute Wege eingezeichnet hat, kann ich mir gut vorstellen, dass der mittels Fahrrad zu bewältigen ist, der GR selbst ist es definitiv nicht. Um Hans - ich werde später auf ihn zurückkommen, wenn ich ihn kennen lerne - zu zitieren: „es war der einzige Teil des Weges, den ich auf dem Hosenboden rutschend zurückgelegt habe”.

Aber zunächst begann der Tag harmlos, ich musste quer durch den Ort, um zum Fluss zu kommen. Dann ging es zunächst eher harmlos an ihm entlang. Zunehmend stieg jedoch die Anforderung des Weges und mir war schnell klar, dass das nix für Fahrradfahrer ist, als ich von Wurzel zu Wurzel hüpfend aufpassen musste, nicht in den Fluss abzurutschen. Dann hörte ich vor mir einen immer lauter werdenden Lärmpegel aus Kinderstimmen und holte eine Mädchengruppe Pfadfinderinnen ein, die gerade an eine Stelle hängen geblieben war, wo die Älteren den Jüngeren über einen rutschigen Hügel hinweghalfen. Da es bestimmt 40 Kiddis waren, dauerte das so seine Zeit. Danach gaben die Leiterinnen den Befehl rechts ran zu treten um mich durchzulassen. Ich wüsste nur zu gerne, wie weit sie gelaufen sind, denn wenn die wegen des Hügels schon so einen Zauber veranstaltet haben, frage ich mich, wie sie die nächsten Anhöhen erklommen haben, bzw. wieder runter zum Bach gekommen sind.

Es ging einige Geröllfelder hoch und auch wieder runter. Zudem war alles noch matschig von den Regenfällen der letzten Wochen. Für die 11km nach Soulme brauchte ich erheblich länger als ich gedacht hatte, hielt aber an meinem Plan Doische zu erreichen fest. Das schien eine größere Stadt zu sein und ich hoffte dort einen Campingplatz oder sonst etwas zum Schlafen zu finden.

Zunächst kam ich aber nach Soulme. Wenn bei dem Jakobsweg in Belgien etwas sicher ist dann: es geht den Berg rauf - und - wenn eine Kirche in Sichtweite, geht er auch dran vorbei. Also den Berg rauf zur Kirche von Soulme. Da ich schon den Vortag keinen Stemple abgezogen hatte, versuchte ich die Kirchtüre, die sich jedoch als verschlossen erwies. Ein kleiner Junge um die 10 Frage mich etwas, was ich nicht verstand aber er ließ nicht locker. Wahrscheinlich war er auch ein verhinderter Pfadfinder, der noch auf der Suche nach der Guten Tat des Tages war. Also redete er auf mich ein, versuchte herauszufinden was ich wollte und beschloss, da ich ihn und er mich nicht verstand, dass ich wohl offensichtlich in die Kirche wolle. Er machte mittels der internationalen Sprache „Wildes Gestikulieren” klar, er würde jetzt den Schlüssel holen, damit ich die Kirche besichtigen könnte. Weg war er und kam einige Minuten später mit dem Schlüssel wieder. Ich wollte ihn nicht enttäuschen und hab sie mir also angesehen, außerdem hatte es mir seine Hilfsbereitschaft auch wirklich angetan. Muss sagen, sie war wirklich ganz nett.

Die restliche Strecke bis Doische war wirklich einfach: zunächst zurück zum Fluss, dann über die Straße nach Vodolée, ein bisschen Wald und schon war man in Doische. Ich fand sogar einen Supermarkt und versorgte mich mit allem was ich so brauchte ... nur den Tee vergaß ich mal wieder. Meine Frage nach einem Campingplatz fruchtete nicht, ich wurde auf Vodolée verwiesen, aber 7km zurückzulaufen kam nicht in Frage. Dafür gab es eine Gite an der explizit etwas von Chamin de St. Jacques dranstand, nur leider war keiner da. Ich wartete, versuchte mich mal wieder an der Kirche, die ebenfalls abgeschlossen war, und wartete weiter, suchte den Ort nach anderen Möglichkeiten ab, fand aber nur eine Chambre de Hostes, die mir nicht zusagte. Ich beschloss weiter zu ziehen und mein Glück in Vaucelles oder Hierges zu versuchen. Da es wieder einmal früher Abend war und mein Reiseführer keine Übernachtungsmöglichkeiten für die beiden Orte anbot, richtete ich mich auf wildes Camping ein.

In Vaucelles kam ich direkt an einer Gite vorbei, die jedoch ebenso wenig zu beziehen war, wie die in Doische, also bin ich gleich weiter nach Hierges. Der Ort liegt in Frankreich, allerdings wird der Ort nur gestreift. Ja man sollte es nicht glauben, es geht nicht an der Kirche vorbei! Und der weitere Verlauf geht auch zurück nach Belgien. Ich schätze der Grund des Abstechers liegt in der Rouine über dem Ort.

Direkt hinter Hierges geht es wieder den Berg rauf und dann über einen relativ ebenen Pfad. Ich beschloss, dass ich jetzt Schluss machen muss, wenn ich noch bei Tageslicht das Zeltaufbauen und in der letzten Dämmerung kochen wollte. Außerdem war der Pfad eben, es fing an zu Regnen und die Stelle war von ferne nicht einsehbar.

Zum Abendessen wurde geföllt, es nicht nur Tütensuppen, nein auch Tütenkartoffelpüree, doch mir war nach Belohnung, schließlich war ich den zweiten Tag schon weiter gekommen, als geplant. Danach versuchte ich zu schlafen.

Nun, wenn mich die Nacht eines gelehrt hat, dann das ich für wildes Zelten nicht geboren bin. Ich hatte vor allem Schiss außer wahrscheinlich vor der einzig realen Gefahr: Wildschweinen mit Jungen. Ein morgendliches Erwachen in einer Familie Wildschweinen wäre sicher ein richtiger Spaß geworden, allerdings standen die nicht auf meiner Hitliste möglicher Probleme, aber ich habe auch so schon schlecht genug geschlafen. Passiert ist übrigens nicht das Geringste.

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