Regen zum Abschied

11. Tag - 25.08.2005 von Hierges (F) nach Oignies-en-Thiérache (B)

Den Alarm meiner Uhr hatte ich noch auf vor Sonnenaufgang eingestellt, um sicherzustellen, dass ich nicht noch im Zelt liege, wenn womöglich die ersten Hundeführer vorbeikommen. Erstens bellen mir belgische Hunde viel zu viel und Belgien war nicht weit, zweitens wäre morgens um halb sieben, die Ausrede „Ich wollte nur mal sehen, wie mein Zelt aussieht” wohl eher unglaubhaft gewesen. Allerdings brauchte ich den Wecker gar nicht: ich hab die Nacht so schlecht geschlafen, dass ich überpünktlich wach wurde. In der Nacht hatte ich geträumt, dass die Polizei vorbeigekommen ist, um mich wegen des wilden Campens zu verhaften. Schon im Traum fand ich es merkwürdig, dass ich wusste, dass es eine Polizistin ist, die hinter meinem Zelt stand, noch bevor sich mich auf Deutsch ansprach. Ich folgerte, dass ich träumte und einfach nur wach werden müsste, dann wäre sie verschwunden. Klappte sogar ... wenn man nur alle Probleme so leicht lösen könnte. Das Fazit dieser Nacht war für mich: wildzelten, wenn eben möglich verhindern.

Leichter Regen hatte eingesetzt und ich packte bereits im Zelt alle Sachen zusammen und in den Rucksack. Anschließend kam noch Zähneputzen und Zeltabbau, dann ging es auch gleich weiter. Zum „Frühstück” gab es einen Müsliriegel.

Wie sich herausstellte, hatte ich mit dem Zeltplatz, wenn auch wild, eine gute Wahl getroffen: nur kurz hinter dem gewählten Platz ging es wieder den Berg runter und anschließend durch den Wald den Berg rauf, eine Ebene zum Zelten, gab es erst viel später wieder. Der Regen sollte für den Tag mein ständiger Begleiter werden, erst kurz vor Ende hörte er auf, dazwischen regnete es mal stärker und mal schwächer, aber es regnete in einem durch. Nach einer Nacht, in der man schlecht geschlafen hat, hellt das zwar nicht die Stimmung auf, aber es hält einen wach und treibt einen vorwärts.

Zunächst war es ein stetiges Auf und Ab. Der erste Ort, Mazée, den ich erreichte, lag wieder in Belgien und er war zu klein, als dass ich hoffen durfte, dort ein Lokal zum Frühstücken zu finden, zudem war es auch noch zu früh. Also zog ich gleich weiter den Berg rauf. Der Regen weichte den Boden auf und es wurde wahlweise rutschig oder schlammig oder gleich beides. Der nächste Ort, Matignolles, wurde nur gestreift und es ging wieder den Berg runter nach Treignes. Hier gab es endlich, was ich suchte: eine Gaststätte. Ich legte also eine fast einstündige Pause ein um Kaffee zu trinke und zu frühstücken.

Die Sache mit dem Frühstück entpuppte sich als Problem, so was gab’s nämlich nicht, stattdessen bot man mir eine regionale Spezialität an, eine Tarte Mateau oder so ähnlich. Sie war süßlich aber erfüllte letztendlich ihren Zweck, ich wurde satt. Danach noch einen Kaffee und noch ein Wasser, ich wollte nicht wieder raus in den Regen. Aber was half’s, ich musste.

Ich wusste, dass die Strecke bis Olly-sur-Viroin an einem Bach entlang ging und flach sein würde. Bei dem Wetter hieß das, die nächsten 7km waren reines „Kilometerfressen”, also nix wie durch. Ich kaufte kurz Lebensmittelnachschub ein und los ging’s.

In Olly-sur-Viroin treffen der GR125, dem ich bislang gefolgt war, und der GR12 aufeinander. Auf der Karte taucht ab hier auch erstmalig die Bezeichnung GR654 auf der zunächst mit dem GR12 identisch ist. Andere lassen den GR654 bereits in Dinant beginnen, die Beschilderung bezeichnet den Weg erst ab der französischen Grenze so. Der GR654 ist die Verbindung zwischen der Via Mosana und Vézelay, wo die Via Lemovicensis, einer der vier Klassiker unter den französischen Jakobswegen, beginnt. Der GR ist noch recht neu und setzt sich zum Teil aus anderen GRs zusammen, was erklären dürfte, warum leichte Uneinigkeit besteht, wo er eigentlich beginnt. An dem Kreuzungspunkt ist eine schöne Kirche, die klassische Elemente mit der moderne verbindet, leider war es am Regnen, so dass ich kein Foto machte, außerdem war sie abgeschlossen, aber daran hatte ich mich bereits gewöhnt.

Nach einer kurzen Pause und einer leichten Verwirrung, welchem der Wegweiser des GR12 ich in welcher Richtung folgen wollte, vertraute ich meinem GPS und ging in die Richtung, die es für die richtige hielt. Eine kluge Entscheidung, die darin Gipfelte, dass dies der erste Tag war, in dem ich nicht einen Meter falsch gelaufen bin.

Die nächste Teilstrecke war lang und es gibt beständig den Berg rauf. Ich erreichte den vorläufigen „Höhepunkt” meiner Reise und den höchsten Punkt des Jakobsweges in Belgien in Oignies-en-Thiérache. Da sich die Steigung jedoch über etliche Kilometer verteilt, strengte sie nicht an. Mein eigentliches Problem war, dass ich meine erste Blase fand und mein linker Schuh einen nicht unerheblichen Riss aufzeigte zwischen dem Leder und der Sohle. Er wurde nur noch vom darunter liegenden Gewebe zusammengehalten. Die Blase wurde in einer Pause versorgt, gegen den Riss konnte ich nichts unternehmen, außer zu hoffen, dass das Gewebe bis Reims halten würde, was es im Übrigen auch tat.

In Oignies-en-Thiérache angekommen suchte ich nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Zelten kam für mich nicht in Frage, diese Nacht wollte ich ein Bett und ausschlafen. Außerdem genug Platz um meinen Schlafsack auszubreiten und trocknen zu lassen. Zunächst versuchte ich es in einer Gite, doch für eine Nacht hatte der Besitzer offensichtlich kein Interesse, sich die Arbeit zu machen. Also entschied ich mich für das Hotel. Nicht gerade das, was man unter „Billigreise” versteht, aber ich hatte die Schnauze voll und wollte mich belohnen: eine schlecht geschlafene Nacht, einen durchgeregneten Tag und außer Müsliriegel und einer Tarte nix zu Essen gehabt.

Dafür allerdings meinen ersten Stempel im Pilgerpass erhalten: die Kirche war geöffnet und es herrschte richtig Betriebsamkeit. Eine Frau erklärte sich für zuständig, meinte aber wenig Zeit zu haben, da sie alles für die Messe vorbereiten müsse. Wir rannten auf die andere Straßenseite in das Pfarrbüro sie packte den Stempel aus und - so viel Zeit musste sein - stempelte wie wild auf ein weißes Blatt Papier ein, bis sie mit dem Ergebnis zufrieden war, dann erst in meinen Pilgerpass. Natürlich ging das bei so viel Eifer schief und einige Buchstaben des Namens der Kirche sind jetzt nicht lesbar, zwei fehlen gänzlich. Sie war tief geknickt und ich versuchte sie zu beruhigen, dass andere Stemple auch nicht besser wären. Aber dass ausgerechnet der perfekt abgebildete Stempel der Abtei Leffe über ihrem prangte, machte die Sache für sie noch verheerender. Aber so ist das Leben nun mal, eine kleine Dorfkirche kann es eben nicht mit einer Jahrhunderte alten Abtei aufnehmen, wenn es um die Show geht: Hackordnung bleibt Hackordnung, erst recht in der katholischen Kirche (SCNR,-)). Aber ihr Enthusiasmus bzgl. des Stempelns wird mir in Erinnerung bleiben und den Stempel für mich immer etwas Besonderes bleiben lassen.

Im Hotel bezog ich mein Zimmer, duschte, sah nach der Blase, die unkritisch aussah und breitete meinen Schlafsack zum Trocknen aus. Danach ging ich in die Gaststube. Zunächst bestellte ich ein Kriek und schrieb ein wenig in mein Reisetagebuch, als der Hunger dann so langsam einsetzte entschied ich mich für das „kleine” drei Gänge Menü. Zunächst gab’s ein winziges Stückchen Fisch und ein ebenso winziges Stückchen Fleisch zusammen mit einem Gemüsecocktail. Dann wurde ich in den Speisesaal gebeten. Dort gab es das gleiche Stück Fleisch, nur diesmal in größer und auf Salat. Ich befürchtete schon, danach käme der dritte Gang, der Nachtisch und ich würde noch eine Pommesbude aufsuchen müssen. Doch ich irrte, denn der vermeintlich erste Gang nebenan zählte offensichtlich nicht: Hauptspeise und üppiges Dessert folgten noch. Sollte ich jemals ein Restaurant eröffnen, so werde ich einen Belgier für das Dessert einstellen, das haben die raus wie keine mir bislang bekannte zweite Nation ... ach ja, und einen für die Kräuterbutter, ich vergaß.

Nach dem Essen gab es noch ein Kriek und dann ging es auch gleich zu Bett.

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