Frankreich, zum Zweiten

12. Tag - 26.08.2005 von Oignies-en-Thiérache (B) nach Lac des Vieilles Forges (F)

Das Frühstück war auf 8:30h angesetzt und ich war auch nur 5 Minuten zu spät. Nach dem Essen packte ich die restlichen Sachen zusammen und brach wieder auf. An diesem Tag galt Frankreich zum zweiten und Mal zu erreichen und dieses Mal auch nicht wieder zu verlassen. Die Via Mosana sollte also ihr endgültiges Ende finden.

Ich vertraute meinem GPS und lief nicht den Weg zurück, den ich am späten Nachmittag zuvor durch den Ort genommen hatte, da ich ihn für einen Umweg hielt. Recht behielt ich und fand den Weg schon nach wenigen Metern wieder. Es gib einen leichten Anstieg hinauf in den Wald. Zunächst verlief der über gut ausgebaute Waldwege, vorbei an rodenden Waldarbeitern um später in Trampelfade über zu gehen.

Ca. eine Stunde später, als der Weg wieder Berg ab ging, und ich gedankenverloren über den Trampelpfad lief bewegte sich ca. 50 Meter vor mir etwas mitten auf dem Weg. Wie Spaziergänger oder Wanderer wirkten diese kleinen Vierbeiner nicht und ihre beiden größeren Gefährten erst recht nicht. Jetzt verstand ich auch, warum im Hotel überall Bilder mit Wildschweinen rumhingen. Vor mir stand eine komplette Familie inkl. der dazugehörigen Jungen, ob es drei oder vier Junge waren konnte ich aus der Entfernung nicht erkennen. Der Wind kam von vorne, so dass sie meine Witterung wohl kaum aufgenommen haben konnte, der Boden war weich, so dass ich auch keinen „Krach” machte. Kurz: sie hatten mich nicht bemerkt und schienen auch kein Interesse daran zu haben, mich wahrzunehmen. Vielmehr wühlten sie mit Ihren Nasen auf dem Weg rum in der Suche nach Nahrung. Ich war hin und her gerissen, zwischen sofortiger Flucht und Fotografieren. Die Fotomanie siegte und ich machte erstmal einige Fotos: leider waren sie zu weit weg, als dass ich wirklich schöne Aufnahmen hätte machen können, aber näher wollte ich wirklich nicht. Als eines der Kleinen auf Nahrungssuche langsam in meine Richtung trottet, trat ich den Rückzug an und holte den Wanderstock hervor. Bäume gab’s genug, aber alle nicht zum Klettern geeignet. Ich bezog in ca. 100m Stellung auf einer kleinen Anhöhe, um sie zu beobachten, in der Hoffnung, die Entfernung wäre groß genug, damit die Eltern sich nicht bedroht fühlten. Derweil ließ ich mir alles durch den Kopf gehen, was ich über Wildschweine wusste und musste verdächtig oft an Asterix und Obelix denken, nur fehlte mir der Zaubertrank.

Nach ca. 15 Minuten verschwanden sie im Wald. Sicherheitshalber wartete ich weitere 10 Minuten bevor ich mich auf den Weg machte. Zwischenzeitlich hatte ich mir überlegt, dass die Eltern nur ihre Frischlinge verteidigen und Wildschweine prinzipiell kein Interesse an Menschen haben. Also zog ich laut singend und ziemlichen Blödsinn labernd in die Richtung los, wo sie eben noch gestanden hatten. Meine Idee war, wenn sie mich früh genug kommen hören, treten sie den Rückzug an, um eine direkte Konfrontation zu vermeiden. Ob mein Plan aufging oder ob sie sowieso schon über alle Berge waren, weiß ich nicht, auf jeden Fall sah ich sie nicht wieder. Vielleicht rollten sie sich aber auch unmittelbar neben mir im Gebüsch lachend über den Boden, ich hab wahrscheinlich eine extremst alberne Figur abgeben.

Als nächstes ging es für einige 100m sogar mal „querwaldein”, zwar fand ich die Markierung merkwürdig, aber danach stimmte sie wieder. So hatte ich keine bedenken, als ich kurze Zeit später wieder vor der selben Situation stand und folgte den fetten rot-weiß-roten Markierungen durch den Wald, auch wenn eigentlich kleine, dezente weiß-rote Zeichen den Weg markieren sollten. Beim zweiten Mal war es auch prompt falsch. Diesmal halfen mir auch weder die Karte weiter, da 1:100.000 nicht ausreicht, wenn man versucht seine Position auf wenige Meter zu bestimmen und das GPS, da die nächste Wegmarkierung zu weit weg war, als dass sie Aufschluss über die aktuelle Richtung geben konnte. Ich beschloss mich auf meine Intention zu verlassen. Diese änderte nach ca. 5 Minuten ihre Meinung und ich ging auf dem Waldweg doch wieder in die andere Richtung zurück, was sich als richtig erwies, nach wenigen 100 Metern entdeckte ich wieder eine Markierung und verließ gleichzeitig auch den Wald.

Nun ging es durch die Ausläufer des kleinen Grenzortes Brûly. Ein kleiner Junge wollte wissen, ob ich auf dem Weg nach Santiago wäre, ansonsten war niemand da, um mich aus Belgien zu verabschieden. Wo die Grenze genau verläuft, habe ich nie herausgefunden. Vielleicht war der kleine Bach hinter dem Ortsausgangsschild die Grenze, über dem ich auf der Brücke eine Pause einlegte.

Neben dem Riss im Leder entwickelte sich ein zweites Problem mit dem linken Schuh: er drückte auf den Knöchel und zwar so, dass es je nach Bewegung richtiggehend schmerzte. Um dem entgegenzuwirken überklebte ich die fragliche Stelle auf meinem Knöchel mit Wundverband als „Futter”-ersatz und Tape. Danach ging es recht gut, aber ganz weg war die Reizung immer noch nicht.

In Frankreich begrüßt einen ein Schild mit der Jakobsmuschel das angibt, dass es noch 2543km bis Santiago wären. Interessant, bereits auf einer Web-Page von Aachener hatte ich gelesen, dass es ca. 2500km von Aachen bis Santiago wären; Captain Jack in Liege hatte behauptet es wären von Liege bis Santiago noch 2500km und jetzt, ca. 400km weiter sind es immer noch 2500km. So langsam hegte ich den Verdacht, dass am Eingang der Kathedrale in Santiago ein Schild stehen würde, wie es vor einigen Flughäfen steht, auf dem zu lesen wäre: „Madrid 2500km, Lissabon 2500km, Paris 2500km, Frankfurt 2500km, Moskau 2500km, Christchurch 2500km...” In Wirklichkeit ist nämlich nicht die Lichtgeschwindigkeit die Konstante, sondern die relative Entfernung nach Santiago.

In Frankreich ändert sich die Wegmarkierung in so fern, als dass die Franzosen fast ausschließlich nur an Wegkreuzungen Markierungen anbringen, während die Belgier auch so mal einen Baum markieren. Letzteres verschafft einem die Möglichkeit an Kreuzungen, wo man sich unsicher ist, auch einfach mal los zu laufen, findet man innerhalb von 5 Minuten keine Markierung, hat man was falsch gemacht, in Frankreich ist man dann aufgeschmissen, wenn lange keine Kreuzung kommt. Eine weitere Änderung ist, dass die Wege, zumindest in den Ardennen, matschiger werden.

Der erste französische Ort, den ich streifte war Rocroi. Ich konnte die Kirche sogar sehen, jedoch ging der Weg nicht dort hin. Noch eine Änderung zwischen Frankreich und Belgien, einige Kirchen werden ausgelassen.

Das Valèe de Misère durchschreitend erreichte ich Bourg-Fidèle. Dort gab es eine Kirche, die zu war ... natürlich. Vor ihr legte ich eine Pause ein. Ein Mann auf der anderen Straßenseite beobachtete mich aufmerksam und als ich wieder aufbrechen wollte, winkte er mich zu sich. Er drückte mir eine Kopie einer Skizze des Weges bis Vézelay in die Hand, auf der Rückseite war eine Adresse aus Signy-l’Abbaye, die ich unbedingt aufsuchen müsse dort wohne, der Präsident der Jakobusgesellschaft (ob von Frankreich oder der Region, habe ich nicht verstanden). Ich bedankte mich artig und zog weiter bis zum Lac des Vieilles, dort gab es einen Campingplatz.

Der Campingplatz dort ist, anders als die letzten, auf denen ich in Belgien war, eine richtig professionelle Angelegenheit mit definierten Parzellen, mehreren Waschhäusern und morgens, gibt’s sogar einen mobilen Lebensmittelshop. Da es schon spät war, beschränkten sich meine Aktivitäten auf Zeltaufbauen, Duschen, Essen und kleinen Kindern klarmachen, dass ich wirklich in dem Zelt zu schlafen gedenke und zu Fuß unterwegs wäre ohne einen Campinganhänger hinter mir herzuziehen.

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