Weiter als geplant

13. Tag - 27.08.2005 von Lac des Vieilles Forges (F) nach Signy-l’Abbaye

Der Morgen begann pünktlich wie geplant. Zu meiner freudigen Überraschung gab es einen mobilen Shop, wo ich mir - schließlich war ich in Frankreich - ein Croissant kaufte. Endlich dachte ich auch daran, dass ich Tee brauchte... vergeblich, der Shop hatte nur Kaffee.

Während des Frühstücks bekam ich Besuch. Zwei Vogelarten buhlten um meine Aufmerksamkeit. Na gut, hofften wohl eher, dass ich beim Essen fleißig krümeln würde und die für sie zurücklassen würde

Nach dem Zeltabbau ging es zunächst am Seeufer zurück zum Weg. Am Tag zuvor war mir schon aufgefallen, dass die Franzosen offensichtlich gerne zweispurig durch die Wälder wandern, will heißten, zwei parallele Wege im Abstand von wenigen Metern die kilometerweit nebeneinander verlaufen. Kurz nachdem ich den eigentlichen Jakobsweg wieder erreicht hatte, entdeckte ich einen Wanderer, der auf dem „anderen”, links von mir liegenden Weg wanderte. Er schien mich nicht zu bemerken, obwohl ich ungefähr auf gleicher Höhe lief. Zunächst beließ ich es dabei, vielleicht war er in Gedanken versunken, vielleicht wollte er nicht gestört werden, also sprach ich ihn nicht an. Kurz bevor die beiden Wege jedoch zusammengeführt wurden, sprach ich ihn jedoch an, damit er nicht meinen würde, ich hätte ihn beobachtet oder verfolgt. Er erschrak sichtlich, er hatte mich wirklich zuvor nicht bemerkt. Er fragte mich auf Englisch, welche Sprache ich denn spräche und ich meinte, Englisch wäre schon ok für mich. Einige Sätze später war allerdings klar, das er Holländer war, ausgezeichnet Deutsch sprach und ihm scheinbar sogar dem Englischen gegenüber den Vorzug zu geben schien. Mir war’s natürlich recht.

Der Wanderer hieß Hans, kam aus Amsterdam und war seit 3-4 Wochen unterwegs, ebenfalls auf dem Jakobsweg. Die riesige Jakobsmuschel auf seinem Rucksack hatte ich übersehen, sonst hätte ich nicht gefragt, es gibt halt doch dumme Fragen und ich bin ein Meister darin sie zu finden und zu stellen. Er erzählte, dass er den Tag zuvor einen Ruhetag in Rocroi eingelegt hatte und ca. 2 Stunden vor mir aufgebrochen war. Er wolle bis Signy-l’Abbaye, was mir zu dem Zeitpunkt zu weit war. Er meinte jedoch, sein Reiseführer für den GR654 gäbe an, dass es zuvor keine Übernachtungsmöglichkeit gebe. Zu dem Zeitpunkt sah ich das noch gelassener. Meiner Zeitplanung war ich um Kilometer voraus. Nach dem Plan, den ich zu Hause gemacht hatte, hätte ich nur bis zum nächsten Ort Rimogne kommen müssen, aber 6km waren selbst mir zu wenig, Signy-l’Abbaye war eigentlich erst für den nächsten Tag geplant. Außerdem wollte ich, den Tag ein wenig kürzer trete, damit meine Blasen auch mal ein wenig Ruhe bekommen.

Wir liefen den Vormittag zusammen und quatschten ein wenig ... zu viel, denn wir verpassten prompt eine Kreuzung. Im Gegensatz zu ihm, kam für mich zurücklaufen nicht in Frage: ich wusste, wo ich hin wollte und mit Karte und GPS wusste ich auch, wie ich dahin kommen würde und wo der Weg liegen müsste, war mir auch klar. Hans ließ sich überzeugen und kurz drauf hatten wir den Weg auch schon wieder gefunden. Er gab zu, dass das einer der großen Vorteile von Karten gegenüber Büchern mit Wegbeschreibungen wäre: wenn man sich verläuft, ist der Ort, an dem man sich befindet, trotzdem noch auf der Karte.

Zur Ehrenrettung sei gesagt, dass wir kurze Zeit später an eine Kreuzung kamen, an der es keine Wegweiser gab. Da die Karte hier nicht viel hergab (zu grob) hätte ich nur raten können. Wir ergänzten uns in der Navigation also ganz gut. Bei den Pausen sah das anders aus, während ich ungefähr im Stundenrhythmus kurze Pausen einlege und dafür auf große Pausen meist verzichte, tendiert er eher dazu, ein bis zwei große Pausen pro Tag einzulegen. So kam es auch, dass wir uns nach ca. 4 Stunden wieder trennten, als ich eine Pause machen musste, um meinen Knöchel neu abzutapen (tolles Wort). Wir tauschten noch unsere eMail-Adressen und er zog weiter.

Auf der Karte hatte ich mir Remilly-les-Pothées oder das darauf folgende Dorf Servion als Tagesziel ausgesucht. Beide Dröfer entpuppten sich allerdings übernachtungstechnisch als untauglich. In Remilly-les-Pothées traf ich einen anderen Wanderer, der mir entgegen kam und in der Hitze auch Schutz in einer Bushaltestelle suchte um eine kurze Rast einzulegen. Ich fragte, ob er Hans gesehen hätte und er meinte ja, vor ca. 10 Minuten.

Bis hierher war der Weg recht eben oder gar eher abschüssig gewesen, außer dem Anfang. Doch von Remilly-les-Pothées aus wurde es deutlich hügliger. Das schlechte Wetter der ersten Tag war nun auch entgültig passe und durch eine Hitzeperiode ersetzt worden. Zwischen Servion und Vaux-Villaine ging mir das Wasser aus. Anders als in Belgin gab es hier scheinbar nicht in jedem Ort einen Tante Emma Laden, um Nachschub zu organisieren und die drei Liter, die ich vom Campingplatz hatte, waren weg. Außerdem entschied ich, dass ich doch bis Signy-l’Abbaye laufen würde... ade, schöner Erholungstag, damit würde ich die weiteste Strecke überhaupt laufen und meiner Planung genau einen Tag voraus liegen. Ein Trend der sich noch fortsetzend sollte.

Mein erstes Problem, der Wassermangel, löste sich in Vaux-Villaine jedoch in Luft auf. An der Kreuzung, an der ich Richtung Signy-l’Abbaye abbiegen musste, gab es eine Quelle und eine Familie, die aus einer Autoreperatur ein Familienhappening machte. Die Sahneschnecke von Sohn reparierte das Auto, seine beiden Schwestern schauten zu und die Mutter kam auch immer mal wieder dazu. Diese fragte ich, ob das Wasser trinkbar wäre, sie bejahten und ich genoss das Wasser in vollen Zügen, zudem füllte ich meine Vorräte wieder auf.

Während ich noch eine kurze Rast mit Nüssen und Müsliriegel machte, kam die Mutter mit Übersetungsunterstützung einer der Töchter und fragte, ob ich nicht mit zu Abend essen wollte, sie hätte schon alles fertig. Leider musste ich verneinen, wollte ich mein Ziel noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen, was mich wirklich ärgerte, denn das Angebot hat mich aufrichtig gefreut und ich hätte es sehr gerne angenommen.

Weiter ging es, Berg auf und Berg ab. Kurz vor meinem Ziel traf ich noch einen Fuchs, der meinen Weg kreuzte. Wir schauten uns ein wenig ratlos gegenseitig an und wussten beide nicht so recht, was wir jetzt machen sollten. Für ein Foto reichte die Zeit leider nicht, bevor er beschloss, dass ich nicht sein Typ bin und er sich wieder verzog.

Die letzten Meter runter nach Signy-l’Abbaye wurden für mich zur Qual, der Tag war für mich zu lang gewesen, mein Knöchnel und die Blasen schmerzten trotz Blasenpflaster und Zusatzfutter und ich beschloss, dass eine Nacht in einer Herberge angesagt wäre. So nahm ich auch gleich die erste Herberge vor Ort, an der ich vorbei kam. Von Außen sah sie schäbig aus, auch der Schankraum vermochte nicht zu überzeugen. Das Speisezimmer und das Treppenhaus waren jedoch richtig urig, die Zimmer einfach. Der Preis wiederum war überzeugend: 35 Euro für Übernachtung, Frühstück und 3 Gänge Abendessen, da gab’s nichts zu meckern.

Das Abendessen entschädigte für vieles, als Vorspeise gab es eine Käsetarte, in die ich mich sogleich verliebte. Das Kaninchen war halt Kaninchen, gut aber nichts wirklich Herausragendes. Ich machte einen mentalen Vermerk, dass ich neben dem belgischen Koch für den Nachtisch einen französischen für die Vorspeisen in meinem Restaurant würde einstellen müssen.

Hans hab ich an dem Tag nicht mehr gesehen. Ich vermutete, dass er entweder irgendwo vorher abgestiegen war oder aber auf dem Campingplatz oder dem anderen Hotel untergekommen war. Ich vermutete richtig: wie sich später herausstelle, schlief er auf dem Campingplatz und hatte in der anderen Herberge gegessen.

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