Pfusch und Abkürzungen für Nix

14. Tag - 28.08.2005 von Signy-l'Abbaye nach Château-Porcien

Morgens nach der Versorgung der Blasen wendete ich mich dem Frühstück zu und wurde bitter enttäuscht, es konnte bei weitem nicht an das Abendessen heranreichen. Es gab Tee und Baguette mit Marmelade. Vergeblich suchte ich nach Käse oder Wurst. Ich machte eine weitere mentale Note für mein Restaurant: der Franzose dürfte ausschlafen, mit dem Frühstück wird er dereinst nichts zu tun haben.

Da ich bislang erst einen Stempel in meinem Credencial gesammelt hatte, beschloss ich eine Kirche aufzusuchen. Dort schickte man mich denn sogleich weiter zu einem roten Haus, das neben einem weißen stünde. Wie sich herausstellte handelte es sich um dieselbe Adresse, die ich von dem Mann vor der Kirche in Bourg-Fidèle bekommen hatte. So folgte ich denn seinem Rat und suchte jenen Präsidenten auf. Mir öffnete ein älterer Herr, dem ich den Stempelausweis zeigte. Er bat mich rein und rief die Dame des Hauses, von der ich bekam was ich wollte. Scheinbar war der Präsident des Jakobsweges überhaupt kein Präsident sondern eben jene Dame und somit eine Präsidentin.

Von Signy-l’Abbaye ging es zunächst mal wieder den Berg rauf und in einer großen Schleife über Librecy in den Wald rein. Nun den Eingang in genau diesen Wald hab ich verpasst. Als mir das klar wurde, war mir aber auch klar, dass ich nicht die geringste Lust hatte wieder zurück zu laufen, also ging ich über die Straße weiter bis zu einem See. Der eigentliche Weg verlief auch an dem See entlang. Nach dem Kraftakt des Vortages und meiner Blasen wegen beschloss ich einen ruhigen Tag zu machen und auch weiterhin für den nächsten Kilometer lieber entlang der Straße zu laufen anstatt den Weg durch den Wald und damit durch den Matsch zu nehmen. Noch weiter wollte ich denn aber nicht vereinfachen, da der anschließende Waldweg zum höchsten Punkt des Tages aufstieg. Ich erhoffte mir dort einen schönen Blick sowohl zurück auf die Ardennen wie auf die Champange zu haben. Letzteres funktionierte der Rückblick auf die „Berge” allerdings wurde mir durch ein kleines Wäldchen verwehrt.

Von der Höhe ging es den Berg runter nach Lalobbe, das ich ca. zur Mittagszeit erreichte. So langsam aber sicher wurde es richtig warm. Die Sonne knallte ohne Gnade und Wolken waren auch nirgends in Sicht. Nach einer kurzen Rast im Schatten der Dorfkirche ging es weiter. Auch dieses Mal entschied ich mich für die Straße und gegen den Trampelpfad, die gesparte Entfernung dürfte jedoch weniger als 300m betragen haben, es ging mir schlicht um die Vereinfachung und nicht um die Abkürzung.

An einer T-Kreuzung ging es gerade aus weiter durch einen kleinen Wald ... Schatten, ich wusste den Schatten zu schätzen. An seinem Ende geht es in einer Schlangenlinie durch Wasigny und an Wasigny vorbei bis man in den ausgesprochenen hässlichen Stadtkern erreicht. Ursprünglich hatte ich überlegt, hier vielleicht zu übernachten. Aber auf mich wirkte das Dorf/die Stadt eher wie ein Slum als wie ein Dorf, also zog ich es vor, weiter zu ziehen.

Das Problem war jedoch, dass in den nächsten drei Dörfern nicht mit Campingplätzen, Herbergen, Hotels oder Gites zu rechnen war sondern angeblich erst in Château-Porcien wieder. Damit erhöhte ich die Tagesetappe jedoch wieder auf knappe 40km und das obwohl ich eine Art Ruhetag einlegen wollte.

Nach intensivem Studium der Karte beschloss ich Sery ausfallen zu lassen und stattdessen von Justine-Herbigny direkt nach Hauteville zu laufen, von dort aus konnte ich nicht mehr weiter abkürzen, da es in nahezu exakt gerader Linie nach Château-Porcien geht. Ich schätze, dass mir die Abkürzung knapp 5 km gespart hat, so dass der Tag zwar alles andere als eine Erholung war, insbesondere der Hitze wegen, aber die Entfernung wieder auf ein vernünftiges Maß reduziert wurde.

Kurz vor Ende des Weges trennt sich der GR12 vom GR625 und nimmt Ziel auf Paris, wohingegen der GR625 seinen Kurs Richtung Süden fortsetzt. Da ich nach Reims wollte, ging es also weiter der Sonne entgegen. Kurz nach diesem Abschied merkte ich, dass jetzt auch der rechte Schuh kaputt ging. Bei ihm zerlegte sich die Sohle langsam in ihre Schichten. Naja, damit wären wenigstens beide Schuhe hinüber und ich hätte kein schlechtes Gewissen, wenn ich am Ende der Wanderung beide wegschmeissen würde :)

Auf dem zweiten Teil der Etappe von Wasigny an lief ich über offene Felder, so dass die Sonne mich gut austrocknen konnte. Meine Hoffnung, dass die Hitze gegen 5 Uhr nachmittags erträglicher würde, wurde leider enttäuscht. Wenn man den ganzen Tag durch die brennende Sonne gelaufen ist, hat man - oder zumindest ich - genau um 17h überhaupt keinen Bock mehr auf den hellen Stern am Himmel. Aber was sollte es, ändern konnte ich es nicht.

Ich erreichte schließlich und endlich Château-Porcien. Verglichen mit den Dörfern zuvor war es wirklich schon fast eine Stadt und ich schöpfte Hoffnung auf ein Bett in einer Herberge. Zwar ist Château-Porcien etwas größer, das rührt jedoch vor allem daher, dass es sehr lang ist. Vor dem Rathaus, wo ich auf die Hauptstraße stieß und was ziemlich mittig zu liegen scheint, fragte ich eine Frau nach einem Hotel. Sie wies mich links weiter zu gehen. Und siehe da, nach einigen hundert Metern tauchte ein Schild auf, das ein Hotel anpries, wenn man der Straße weiter folgen würde. Was jedoch nicht auf dem Schild stand, war eine Entfernung. Auf dem Weg zur Stadtgrenze kam ich an einer einzigen kleinen Kneipe vorbei, die offen hatte. Ansonsten waren die Straßen fast ausgestorben. Sonntags abends verstecken sich die Franzosen wahrscheinlich in ihren Häusern vor der Sonne.

Als ich die Stadtgrenze erreichte, gab ich so langsam die Hoffnung auf, dass es noch in dieser Stadt ein Hotel gäbe, also fragte ich einen Mann, der auf dem Weg in den Keller wohl die falsche Türe erwischt hatte und vor seiner Haustüre stand. Er bestätigte, dass es in dieser Richtung ein Hotel gäbe ... in 10 km ... in Rethel. Ich beschloss zurück zu der Kneipe zu gehen, dort was zu trinken und darauf zu hoffen, dass dort jemand Englisch spräche und mir weiterhelfen würde. Wenn nicht, wollte ich trotz innerer Widerstände nochmals wild campen. Also ging es wieder Richtung Stadtmitte.

Ich trank zunächst zwei Cola und wurde gefragt, was ich machen würde. Das mit dem Jakobsweg schaffte Eindruck und ich war sogleich das Gesprächsthema der versammelten Gesellschaft. Englisch sprach niemand, aber ich verstand die Frage, ob ich wüsste, wo ich schlafen würde. Ich verneinte. Darauf machten es ein Gast und der Wirt zu ihrer dringlichsten Aufgabe, mich unter ein Dach zu bekommen. Sie telefonierten in der Gegend rum, riefen Bekannte von der Straße und diskutierten mit sämtlichen Gästen, ob ihnen nicht was einfiele. Ich war stark beeindruckt von ihrem Engagement. Zwischendurch informierte mich der Gast, der neben mir saß, immer wieder über den Stand der Dinge. Ich verstand zwar kein Wort, was ihn nicht davon abhielt mich zuzutexten und mir Löcher in den Bauch zu fragen, obwohl ich kaum eine Frage beantworten konnte. Besondere Erheiterung erzeugte bei ihm meine Antwort, wo ich herkäme: warum ich denn Englisch spräche, wenn ich doch Deutscher wäre... soll nicht heißen, dass jemand Deutsch sprach. Ich hätte auch Esperanto sprechen können: Franzosen sprechen Französisch und damit basta :(

Drei Wasser später fruchteten ihre Bemühungen: sie hatten jemanden gefunden, der mich mit dem Auto abholte. Zunächst versuchte er mich bei einer Frau unterzubringen, die Deutsch sprechen würde, jedoch durch Abwesenheit glänzte. So fuhren wir zurück zum Rathaus, wo er den Schlüssel für die benachbarte Turnhalle holte, in der ich schlafen könnte. Den Schlüssel sollte ich einfach ab 8:30h wieder im Rathaus abgeben, kosten würde es nichts.

Zunächst habe ich mal Geduscht und meine Füße versorgt. Da es in der Kneipe nichts zu Essen gegeben hatte, aß es meine letzte Ration gefriergetrockneten Kartoffelpürees und dann war a) spät genug und b) ich auch müde, so dass ich auf den Matten meinen Schlafsack ausbreitete und auch mehr oder weniger sofort in den Schlaf der Erschöpfung fiel.

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