Abschied von den Ardennen

15. Tag - 29.08.2005 von Château-Porcien nach Brienne-sur-Aisne

Der Morgen begann für einen Langschläfer wie mich zeitig: da mir nicht klar war, ob ich den Schlüssel ab oder bis 8:30h abgeben konnte, schließlich hatte ich nur die niedergeschriebene Zahl und nicht die Erklärung verstanden, beschloss ich den Schlüssel um Punkt 8:30h am Rathaus abzugeben. Und so stand ich pünktlich um halb Neun vor der verschlossenen Türe. Damit war ich allerdings nicht allein, neben mir warteten auch noch einige andere auf die Öffnung der heiligen Hallen. Kurz drauf tauchte auch eine Frau mit Schlüssel für’s Rathaus auf, der ich meinen für die Sporthalle gab.

Im Anschluss daran machte ich mich auf den Weg zum Fluss, dem ich den ganzen Tag würde folgen. Auf dem Weg dorthin kaufte ich ein halbes Baguette, das mein Frühstück sein sollte ... na ja, viel spärlicher als ein „echtes”, französisches Frühstück war das ja nun auch nicht, fehlte eigentlich nur die Butter und die Marmelade. Neben dem Fluss, oder vielmehr Kanal, wie ich später feststellte, dem ich folgen wollte, gibt es in Château-Porcien auch noch zwei Nebenarme, die ich überqueren musste. Zu dieser unchristlichen Uhrzeit war ich aber noch nicht fähig zu zählen, also bog ich einen Fluss zu früh ab und lief in eine Sackgasse. Das war der Punkt, wo ich mir sicher war, dass ich diesen Tag lieben würde. Und ich sollte Recht behalten ... manchmal hasse ich es einfach, Recht zu haben.

Der Weg war einfach zu laufen, da er flach war und über lange Strecken auch über befestigte Wege ging. Solange ich lief, war alles in Ordnung, nur das „Anlaufen” war schwierig geworden. Eine der Blase am linken Fuß hatte sich leicht entzündet: wenn ich mich an den Schmerz gewöhnt hatte, was verhinderte, dass ich mit Compeed arbeiten konnte. Lief ich erst einmal, konnte ich in nahezu normalen Tempo laufen, ohne dass es mich zu sehr störte, allerdings brauchte ich auch jedes Mal ca. 300m nach einer Pause, um mich wieder daran zu gewöhnen. Wenigstens das Problem mit dem Knöchel hatte ich dank Tape und Klopapier als zusätzliches oder vielmehr als Ersatzpolster nun im Griff.

Die Sonne schien den ganzen Tag und es war richtig heiß, da aber entlang des Ufers viele Bäume standen, war der Tag alles in allem doch sehr erträglich. Weniger erträglich war dagegen war, dass ich mich einige Zeit später schon wieder verlief. Leider war auf der Karte nicht klar ersichtlich, ob ich an einer Brücke über den Fluss musste oder nicht, da der eingezeichnete Weg mitten im Fluss verlief, ein Zeichen um überqueren des Flusses fehlte, also lief ich weiter. Leider stellte sich ca. 2-3km später heraus, dass das falsch war und ich mich auf einer Halbinsel zwischen zwei Armen des Kanals befand. Weitergehen hatte keinen Zweck, da die nächste Brücke die Brücke war, die ich zunächst verschmäht hatte. Also wieder zurück: macht 4-6km Umweg oder anders formuliert: eine Stunde.

Kurz nach dieser Zusatzeinlage erreichte ich Asfeld, wo ich vom Weg abbog, um in die „Stadt” zu gehen. Attraktionsmäßig war war das eine gelungene Idee, die Kirche an der ich vorbeikam sah klasse aus. Anders als die Belgier, die keine noch so kleine Dorfkirche auslassen, leiten die Franzosen die Wanderer nicht an jeder Kirche vorbei, sondern das Vorwärtskommen steht im Mittelpunkt. Will man Sehenswürdig sehen, muss man selbst wissen, dass es sie gibt und runter vom GR. An der Kirche machte ich eine längere Mittagspause und überlegte ernsthaft mit dem Bus nach Reims zu fahren. Die Geschichte mit der Entzündung gefiel mir nicht, leicht hin oder her. Ich war sogar nahezu fest entschlossen. Hinzu kam, dass ich Wasser brauchte. Also ging ich zur Landstraße in der Hoffnung eine Bushaltestelle oder wenigstens einen kleinen Laden zum Wasserkaufen zu finden. Es war brüllendheiß mittlerweile und meine Lust auf einem absoluten Tiefpunkt angelangt.

Alle Shops, na gut, die beiden Shops in Asfeld, die ich fand, hatten Siesta, oder wie immer das auf Französisch heißen mag, auf jeden Fall, waren sie geschlossen. Das einzige was geöffnet hatte, war ein Laden für Großgeräte im Landschaftsbau, wofür ich gerade allerdings weinig bedarf hatte, wollte ich nicht auf einem Mähdrescher oder fahrbaren Rasenmäher nach Reims fahren, und eine Kombination aus Tankstelle und Werkstatt. Letztere hatte zwar kein Wasser aber neben Öl und Ersatzbatterien gab es wenigstens Eis. Ich kaufte eines. Damit verwirrte ich den einzigen Angestellten (oder Besitzer) jedoch so sehr, dass er sich erst bei seiner Frau (?) erkundigen musste, was die kosten, da die aber gerade nicht ans Telefon ging, beschloss er, das das wohl 2 EUR kosten würde. Mir war’s egal: Hauptsache kalt.

Weiter ging’s über die Landstraße (ohne den Schatten der Bäume) bis nach Vieux-les Asfeld. Ein Dorf, deutlich kleiner als Asfeld. Allerdings sehr viel Komfortabler für frustrierte, leidende und verdurstende Wanderer: es gab eine Pension und - wie ich später herausfand - einen geöffneten Laden. Zunächst versuchte ich in der Herberge mein Glück. Zwar war es noch vergleichsweise früh, aber - wie gesagt - meine Lust war für diesen Tag auf dem absoluten Nullpunkt angekommen. Doch leider änderte das nichts, es gab keine Zimmer und offensichtlich sah ich nicht bemitleidenswert genug aus, um mich trotzdem unterzubringen. Kurze Zeit später würde Hans das schaffen. Allerdings organisierten sie mir eine Übernachtungsmöglichkeit in einer Chambre de Hostes ein Dorf weiter. „Ein Dorf weiter” klingt harmloser als es ist.

Also machte ich mich auf den Weg und entdeckte den Laden, eine Kombination aus Lottostelle, Schreibwarengeschäft und Lebensmitteldiscounter. Hier holte ich mir Wasser. Kurz überlegte ich, ob ich Sekundenkleber kaufen sollte, um die Schuhsohle notdürftig anzukleben, da aber wenigstens die, den Tag über keinerlei Probleme gemacht hatte, entschied ich mich dagegen. Bis Reims mussten sie auch so noch halten. Notfalls würde ich halt auf Halbschuhen weiterlaufen.

Es ging zurück an den Kanal und diesen weiter entlang. Zunächst war es noch angenehm zu gehen und ich kam dem Dorf immer näher. Ab einer gewissen Entfernung, von jedoch bleibt der Abstand zum Dorf konstant, da der Kanal das Dorf zu dreiviertel umrundet und die Straße ins Dorf am Ende dieses „Dreiviertels” liegt. Hinzu kommt, dass man sich den letzten Kilometer im wahrsten Sinne des Wortes durch die Büsche schlagen musste ... jetzt hasste ich den Tag.

Endlich erreichte ich die Straße die zurück ins Dorf führte. In einem oder wohl eher DEM Laden des Dorfes erfuhr ich, dass es das letzte Haus des Dorfes ist, also Quer durch den Dorf im Grunde den Weg wieder zurück erreichte ich den Bauernhof, in dem das B&B war.

Eigentlich war das B&B bereits ausverkauft, so dass ich im Zimmer der Tochter untergebracht wurde. Mehrfach wurde ich darauf hingewiesen, dass ich damit im „Privatbereich” untergebracht wäre und auch die Dusche „privat” wäre ... ich durfte sie trotzdem benutzen. Frisch geduscht versorgte ich meine Blasen, bis auf die eine, alle harmlos. Auch die Eine sah deutlich weniger kritisch aus, als sie sich anfühlte. Ich überlegte schon, ob es ggf. nkeine Entzündung sondern eine Marschfraktur ist. Aber da bin ich wohl typisch Mann - entweder ist alles ok oder man stirbt - sprich man nimmt „das Schlimmste” an.

Ein Lokal gab es nicht, also organisierte ich mir in dem Laden eine Pastete, was dann auch mein ganzes Abendessen war. Danach ging ich gleich ins Bett. Mittlerweile hatte ich beschlossen, doch bis Reims zu laufen, auf den Tag kam es nun wirklich nicht mehr an. Blase hin oder her.

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