Ankunft am Etappenziel

16. Tag - 30.08.2005 von Brienne-sur-Aisne nach Reims

Nachdem ich ausgiebig geschlafen hatte und meine Klamotten alle wieder im Rucksack verstaut waren, ging ich zum Frühstück. Diesmal war ich vorbereitet auf das französische Frühstück und konnte mich über das halbe Stück Teilchen sozusagen als zusätzliches Bonbon regelrecht freuen. Der Rest war, was Briten für „Kontinental” halten: Baguette mit Marmelade und dazu wahlweise Kaffe oder Tee. Danach ging es dann auch los.

Mittlerweile nahm ich das mit dem Weg ja ohnehin nicht mehr so genau und so beschloss ich, nicht zum Kanal zurückzugehen nur um nach einigen 100m wieder davon weg, Richtung Reims zu laufen. Stattdessen lief ich zumeist über kleine Seitenstraßen die 2-3 km direkt zum Nachbardorf. Hat mir bestimmt 500m gebracht *g*. Am Ende des Dorfes traf ich auf zwei alte Bekannte wieder: 1. auf den Jakobsweg, 2. Hans, den Holländer, den ich schon vor einigen Tagen kurz nach Vieilles Forges auf dem Weg nach Signy-l'Abbaye getroffen hatte. Er machte dort eine Pause.

Etwas gehbehindert, wie ich nun mal war, obwohl ich gut vorankam, glaubte ich nicht, dass wir den ganzen Tag gemeinsam laufen würden. Doch von Anfang an war klar, wir beide würde die 30km bis Reims laufen und so gingen wir auch den kompletten Weg zusammen. Grundsätzlich laufe ich auch sehr gerne alleine, aber gegen eine gute Unterhaltung habe ich nie etwas einzuwenden und er scheinbar auch nicht. Zumindest haben wir von Pinicourt bis Reims in einem Durch gequatscht. Unterhalten haben wir uns über alles Mögliche, von Politik über Religion bis hin zu der Frage, warum wir eigentlich auf dem Jakobsweg sind. religiöse Motive waren es weder bei ihm noch bei mir. Aber ich glaube irgendeine Art von Selbstfindung und -beweiß ist immer damit verbunden. Anders als bei mir haben ihn seine Verwandten und Freunde als „bekloppt” tituliert, als er sein vorhaben verkündete. Was vielleicht auch daran liegt, dass er den gesamten Weg auf einmal laufen will. Was sein Motiv war, gehört nun wirklich nicht auf die Homepage eines Fremden und darum schweige ich mich dazu mal aus.

Die Tage zuvor haben wir uns wohl durchgängig knapp verpasst: der Tag, an dem wir uns begegneten waren wr beide bis Signy-l’Abbaye gelaufen, er ist allerdings auf den Campingplatz und hat in der anderen Herberge gegessen. Den Tag drauf ist er nach Signy gelaufen, jenes Dorf was ich ausgelassen hatte und den Tag zuvor hat er in dem B&Amp;B übernachtet, in dem ich kein Zimmer mehr bekommen habe. Und das obwohl er später dort war als ich. Entweder sah er seriöser oder bedauernswerter aus als ich, oder aber die Dame des Hause dort, wusste, dass ich der letzte Gast war, der im nächsten Dorf noch einen Platz finden würde. Ich denke letzteres, schließlich hatte sie das Zimmer (der Tochter) für mich klar gemacht. Hans hat auf einem Klappbett übernachten müssen ... na ja, viel besser war meines auch nicht. Und am Tag zuvor hat er bei Landsleuten übernachtet, die in einer Gite in Signy Urlaub machten während ich auf der Turnhalle auf den Trainingsmatten lag. Ich denke, alles in allem ist das ausgeglichen.

Als wir wieder an einen Kanal kamen, folgten wir dem Verlauf bis wir relativ nah am Stadtkern waren, von dort ging es auf die Straße. Wir liefen auch zunächst direkt auf die Kathedrale zu. Es ging durch ein Industrieviertel. Alle meine Hoffnungen, dass ich von hübschen Franzosen bejubelt in Reims einlaufen würde, die mir alle ein Glas Champagner reichen wollen - wofür war ich den in der Champagne -, wurden leider entäuscht. Stattdessen folgten wir dem Bogen, den die Straße machte, verloren die Kathedrale aus den Augen und gingen erstmal Tee trinken, genauso genommen: Hans trank Tee und ich Cola. Eigentlich hasse ich das Zeug, aber es war kalt und es enthielt Zucker, zwei Dinge nach denen mich bald noch mehr dürstete als nach Flüssigkeit. Unsere Pause in dem Lotterie-Schreibwahren-Zeitschriften-Cafe dauerte ziemlich lange und es wurde mehr als ein Tee und zur Cola gesellten sich schnell einige Wasser. Aber wir hatten ja Zeit, schließlich waren wir angekommen. Zudem saß man in dem Cafe wenigstens nicht mehr mitten in der prallen Sonne. An dem Tag auch ein nicht zu verachtender Vorteil.

Endlich machten wir uns auf: wir wollten in die Innenstadt und wir wollten ein Hotel. Das erwies sich als gar nicht mehr so einfach: sein Buch, meine Karte und das GPS sind drei brauchbare Hilfsmittel um Reims zu finden, ist man aber erst mal da, hilft keines davon weiter: die Karte ist zu Grob, das Buch erklärt nur den eigentlichen Weg und auf dem GPS hatte ich keine Stadtpläne. Kurz: wir irrten ein wenig umher, immer auf der Suche nach der Kathedrale. Dabei prüften wir verschiedene, wohldurchdachte Theorien, wie „hier geht es zum Kanal, die Kirche ist bestimmt am Wasser”, was wir dann aber als unsinnig verwarfen, schließlich kamen wir vom Kanal und hatten selbige bereits in einiger Entfernung gesehen, als wir ihn verließen. Eine andere Theorie bezog sich auf Stadtgärten, wieder eine auf Parkhäuser. Schließlich fanden wir zwar nicht den „Dom” dafür aber die „Siegessäule”:

Ich äußerte Hans gegenüber meinen Verdacht, dass im Rahmen eines Deutsch-Französischen Kulturaustausches man die Kathedrale für einige Monate nach Berlin geschafft hätte und dafür die Siegessäule bekommen hätte. Immerhin rund um die Dame in Gold gab es jede Menge kleinere Hotels und eine Fußgängerzone mit jeder Menge Restaurants. Wer braucht da schon eine Kirche? Wir quartierten uns im selben Hotel ein und gingen gemeinsam Essen. Auf dem Weg zum Essen entsorgte ich meine Wanderschuhe. Ich muss sagen: eine Trennung ist mir selten so leicht gefallen wie diese. Jetzt kann ich nur hoffen, dass die neuen mir weniger Ärger machen.

Zunächst trank ich meinen Champagner, auf den ich mich schon seit Ewigkeiten freute, danach wechselte ich jedoch auf Bier - Frankreich hin, Wein her. Beim Essen wurde mir klar, dass ich wirklich dringend Französisch lernen muss: die Flammküchle hatte ich richtig interpretiert, auch wenn ich bis heute noch nicht weiß, wie die nach Frankreich kamen, bei der Hauptspeise vertat ich mich allerdings: ich liebe Meeresfrüchte ... aber nicht auf Eis. Na ja, war ne Erfahrung wert und hungrig bin ich ja auch nicht geblieben. Hans hatte da schon mehr glück: er war erstens Vegetarier und zweiten sprach er etwas französisch. Lust war, dass jedes Mal, wenn er mit dem Kellner Französisch geredet hatte, sprach er zunächst Holländisch mit mir. Der Abend wurde ziemlich lang - das übliche Spiel zum Abschied: noch einen Wein und ein Bier, und noch einen Wein und ein Bier bis die Stühle hochgestellt werden. Wir ließen uns davon nicht entmutigen und zogen ins Nachbarlokal um, bis die auch schlossen. Irgendwann zwischen 2 und 3 Uhr morgens ging wir dann Richtung Hotel. Da Hans am nächsten Tag weiter wollte und ich ja mit an der Uhrzeit schuld war, erklärte ich ihm, ich würde auch um 8:30h auf der Matte stehen und mit ihm noch Frühstücken, bevor er aufbräche.

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