Der Aufbruch nach Bungaree

Zunächst ging es wieder zum DOC. Wenn man in NZ eine Wanderung machen möchte, muss man zunächst ein „intention form” ausfüllen, was man vorhat, wann man wieder zurück sein will, wann spätestens die Polizei benachrichtigt werden soll und - zur allgemeinen Beruhigung - wer im Falle eines Falles zu benachrichtigen ist. Das Formular heftet man dann selbstständig in einem Ordner unter dem voraussichtlichen Ankunftsdatum ab. Peinlich wird es, wenn man vergessen hat, am Ende der Tour das Formular - ebenfalls selbstständig - wieder aus dem Ordner herauszunehmen, doch sind überall in Oban Hinweise verteilt, die einen daran erinnern.

Danach kaufte ich noch den mehr oder weniger obligatorischen Hüttenpass. Er kostet um die 30-35 NZ$, dafür darf man entlang des Trails in jeder Hütte übernachten, maximal für zwei Tage. In einer Reisebeschreibung hatte ich gelesen, dass der erste Teil bis Lee Bay zumeist entlang der Straße verläuft und nicht besonders spektakulär ist. Aus Zeitgründen wollte ich die erste Hütte, Port William Hut, ohnehin überspringen und gleich bis zur zweiten, Bungaree Hut, weiterlaufen. Die Zeitangabe des DOC lag bei 4 Stunden bis zur ersten und 3-4 Stunden bis zur zweiten Hütte. Das hielt ich für machbar.

Ich gönnte mir also für 20 NZ$ ein Taxi bis Lee Bay und begann mit der Wanderung. Pünktlich, als ich aus dem Taxi stieg, begann der Regen. Die Temperatur lag bei 17C, geschätzt. Bei Lee Bay endet die Straße und Asphalt gibt es frühestens in 8 Tagen wieder, am anderen Ende des Weges. Der Weg beginnt gut befestigt und bis Port William gehört er neben den NWC auch zum Rakiura Trail, einem Great Walk, was heißt, er ist gut begehbar, vergleichbar mit kleinen Waldwegen in der Eifel. Berg rauf und runter hält sich in Grenzen und wenn, dann gibt es sogar Stufen. Besonders matschige Teile sind mit Brettern überdeckt, die mit Maschendraht bespannt sind, damit sie nicht glitschig werden. Man kommt am Maori Beach an einem „Shelter” vorbei mit frischem Wasser und Bänken, wo ich denn gleich auch mal eine Rast machte. Am Magnetic Beach musste ich, da Flut, den Umweg machen, da das Wasser zu tief war. Die nächste Rast folgte dort.

Bis hierher war also alles sehr einfach, allerdings hatte ich schon Bekanntschaft mit den kleinen schwarzen Fliegen gemacht, die auf den Namen „Sandflies” hören und die neuseeländische Verwandten der Stechmücken sind. Streng genommen sind sie mit selbigen wohl überhaupt nicht verwand, das einzige was sie gemeinsam haben, ist dass sie Blut von Menschen abzapfen und dazu ein Gift injizieren, dass die Gerinnung verhindern soll und anschließend einen Juckreiz auslöst. Anders als Mücken und andere stechenden Plagegeister, haben Sandflies keinen Stechapparat sondern müssen zubeißen. Das hat einen Vorteil und einen entscheidenden Nachteil: der Vorteil ist, sie benötigen entblößte Haut, um an das Blut zu kommen, Kleidung schützt also, der Nachteil ist jedoch, dass die Verletzung der Haut erheblich größer ist, als bei einem sauberen Stich. Die gute Nachricht ist, der Juckreiz hält sich - zumindest bei mir - durchaus in Grenzen, die schlechte ist, wegen der größeren Reizung der Haut neigen die Stiche dazu sich zu entzünden, noch heute trage ich Narben, die nur sehr langsam verschwinden?. Insektenschutzmittel hilft durchaus. Entgegen häufig getätigter Aussagen, hilft auch das aus Deutschland. Selbst habe ich Zedan genutzt, danach stinkt man zwar wie eine Zeder, aber das mit dem Gestank ergibt sich auf der Tour sowieso ?. Neuseeländer schwören auf Dimp ... ich hege den Verdacht, dass das hier bei uns, nie die Zulassung erhalten würde.

Sandflies treten fast ausschließlich an Stränden auf, dort allerdings zu Milliarden und sie finden jeden Ort Haut, den man vergessen hat.

Genug dazu, weiter mit dem Weg: am Magnetic Beach trennen sich der Rakiura Trail und der NWC, was insbesondere bedeutet, ab hier ist Schluss mit Lustig. Zwischen Port William Hut bis Bangeree Hut beginnt das Schlammwaten und das angekündigte Up und Down. Zu meinem Entsetzen musste ich feststellen, dass „up, down, up, down, mud, mud, mud” nicht sequenziell gemeint war, sondern dass sowohl „up” wie auch „down” sich hervorragend mit „mud” kombinieren lassen. Für die nächsten 6km benötigte ich 4 Stunden. Damit lag ich am oberen Ende der vom DOC veröffentlichten Etappenzeiten. Was zum einen dran lag, dass ich nicht mehr taufrisch war, da ich ja zuvor die erste Etappe gemacht hatte, zum anderen aber auch daran, dass ich versuchte, dem Schlamm auszuweichen. Was mir auf dieser Teilstrecke auch noch größtenteils gelang. Zwar war die Hose nachher bis zu den Knien dreckig, aber nicht weil ich bis zu selbigen im Schlamm gestanden hätte, sondern „einfach so”.

Meinen ersten Sturz, der einzige der Tour, der mit einer Platzwunde endete, hab ich auch auf dieser Teilstrecke absolviert, und er sollte symptomatisch für alle weiteren Stürze werden: nicht an den komplizierten, steilen und/oder schlammigen Stellen schloss ich nähere Bekanntschaft mit dem Boden, nein, ich machte es immer dann, wenn es einfach wurde und ich meine Konzentration abschweifen ließ. In diesem besonderen Fall auf einem befestigten Teilstück des Weges, als ich mit meinem schlammigen Schuhen trotz Maschendraht wegschlitterte und seitlich aufs Knie fiel. Autsch! Da die Platzwunde blutete, machte ich ein Pflaster drauf und weil der Schmerz schnell nachlief und nichts weitere mehr weh tat, beschloss ich weiter zu gehen.

Kurz hinter der Brücke über den Little River (blöder Name, so könnte man die anderen 20.000 Flüsse der Insel auch nennen) lag ein Baum quer über den Weg, so dass man darüber klettern musste. Das fand ich zu dem Zeitpunkt noch so bemerkenswert, dass ich einen Wegpunkt in meinem GPS gesetzt habe. Die Arbeit habe bei den nächsten 100 Bäumen mir dann nicht mehr gemacht, obwohl viele davon weit schwieriger zu überqueren bzw. zu umgehen waren, als dieser.

Wie ich bereits hier herausfand, stimmt die Karte der Insel, 1:50.000, nur zu ungefähr. Nicht alle Flüsse sind verzeichnet und auch der Weg ist nur sehr grob eingetragen, die Höhenlinien sind gemittelt: schmale Täler, wie sie durch zahllosen Flüssen auftreten, sind nicht eingezeichnet. Dabei machen Gerade diesen den Trail so anstrengend. Man geht nicht vom Strand auf einen 200-300m hohen Berg, nein man geht 50m hoch, dann wieder 20m fast senkrecht runter zum Fluss und auf der anderen Seite wieder 20m hoch. Dann läuft man 200m und macht das ganze einfach noch mal und noch mal und noch mal. Das gilt allerdings „nur” für die ruhige Ostseite der Insel, auf der windigen Ostseite gibt es weiniger Flüsse.

Bungaree Hut liegt am Ende eines 800m langen gebogenen Sandstrands. Mit seinen Palmen am Waldrand wirkte der Strand wie ein Import aus der Karibik, allein die Temperaturen von um die 20 Grad passten nicht so richtig. Die Hütte selbst bietet einen fantastischen Ausblick auf das Meer und den Strand.

Das erste was mir auffiel, als ich die Hütte erreichte, war, dass schon jemand vor mir eingetroffen ist, denn über der Trockenleine auf der Veranda hingen verschiedenste Sachen zum Trocken. Das erste, was ich dachte, war: „Welcher Idiot läuft eigentlich in Jeans durch den Regenwald?”

Selbige Jeans gehörte einem von zwei Amerikanern. Mutter und Sohn waren an dem Tag von Port William Hut aus hierher gekommen. Die Mutter hatte ihm die Neuseelandreise als zum Abschluss einer College-Zeit geschenkt. Sie erzählten mir, sie wollten den Trail in maximal 8 Tagen machen, da sie noch so viel von Neuseeland sehen wollten. Für den nächsten Tag planten sie entsprechend die nächste Hütte, Christmas Village, zu überspringen und zur übernächsten, Yankee River, weiter zu laufen. Falls sie das nicht schaffen würden, wollten sie bei Lucky Beach zelten. Ich schaute mir die Jeans an und das Gepäck an und beschloss lieber nichts zu sagen. Der Sohn ahnte wohl, was ich dachte und zeigte auf der Karte auf Yankee River „That’s what we hope”, dann auf Lucy Beach „That’s what we plan” und anschließend auf Christmas Village „That’s what will happen”. Prophetische Gaben hatte er offensichtlich nicht, doch dazu später mehr.

Die beiden gingen noch baden im Meer und machten ein großes Lagerfeuer, auf dem auch gekocht wurde. Ich selbst, begnügte mich mit Tee, in Wasser gelösten Magnesiumtabletten und einer Ration mit Wasser aufgegossenem Trockenfutter. Anschließend schrieb ich in mein Reisetagebuch: „Der Pfad hier ist echt heftig. Up/down, up/down, mud/mud/mud, nix davon ist gelogen, die grüne Hölle” - offensichtlich verfüge ich auch über keinerlei prophetische Gaben. Im Nachhinein war der Teil des Trips wirklich einfach und auch kaum schlammig.

Danach trug ich mich noch in das Hüttenbuch ein, das dient zum einen der Statistik zum anderen dazu, dass bei einer Rettungsaktion die Ranger sehen können, wie auf welcher Teilstrecke man verloren gegangen ist. Außerdem dient es der Belustigung anderer Reisender, insbesondere die Felder „Main Activity” und „Comment”. Zu diesem Zeitpunkt trug ich als „Activity” noch „Tramping” ein. Danach ging ich ins Bett. Da die Hütte drei Zimmer hat, einen Gemeinschaftsraum und zwei Schlafräume, hatte ich diese Nacht mein eigenes Zimmer. Ich schlief erschöpft ein, als ich dem Meer beim Rauschen lauschte.

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