Auf zum Weihnachtsmann

Wie gewohnt, wache ich für meine Verhältnisse früh auf. Ein Überbleibsel des Jet-Lags, der sich ansonsten für 12Stunden Zeitdifferenz erstaunlich in Grenzen gehalten hat. Das einzig andere Problem ist, dass ich nachts zwischen 1 und 2 Uhr dringendst mal wo hin muss, ein Problem, dass ich sonst nicht habe.

Meine beiden Mitbewohner, Mutter und Sohn, waren schon wach. Während ich frühstückte, kehrte sie die Hütte - gut, brauchte ich das schon mal nicht machen:) Danach sattelten sie auf. Er hatte sich gegen seine Jeans und eine kurze Hose entschieden. Der Tag sah auch viel versprechend aus, aber das kann sich auf der Insel schnell ändern. Sie brachen ca. 20-30 Minuten vor mir auf. Ich brauche morgens immer meine Ruhe, um aus dem Quark zu kommen.

Nachdem ich alles verstaut hatte und einen letzen, prüfenden Blick in die Hütte geworfen hatte, zog ich denn auch los. Der Weg beginnt einfach, zunächst recht flach. Nach einer Stunde traf ich die beiden wieder. Vom DOC sind 5 Stunden angesetzt für den Weg, ich sah schwarz, was ihre Planungen anbetraf.

Der Weg wurde nicht schlimmer, eigentlich war es sogar einer der einfachsten Abschnitte, auch wenn ich das natürlich nicht so sah.. Zur Halbzeit erreichte ich einen langen Strand, Murray Beach, an dessen Ende ich eine Pause einlegte. Hier kamen mir 3,5 Leute entgegen: zwei Männer, eine Frau und ein Kleinkind, das auf dem Rücken eines der Männer ritt. Die Frau und einer der Männer gingen schnurstracks zum Ende des Strandes, wo eine breite Flussmündung war, die auch recht tief war da sie ins Meer überging. Beide zogen sich splitterfasernackt aus, bündelten ihre Sachen und wateten durch das hüfthohe Wasser. Mit dem dritten, der mit dem Kind, hab ich ein wenig gequatscht und so erfahren, dass sie Biologen waren, die hier ein Basislager hatten. Sie gehörten zu einem Projekt, das die YEPs (Yellow Eyed Penguins) beobachten. Die YEPs sind eine aussterbende Tierart und es ist aktuell ungeklärt, warum die Populationen zur Zeit wieder schrumpfen, wo man in den letzten Jahren so große Erfolge feierte. Das Problem der YEPs sind die eingeführten Säugetiere. Sie brüten auf dem Boden nahe dem Meer mit dem Nest an einem Abhang. Anders als andere Pinguine bilden sie keine großen geschlossenen Kolonien sondern brüten eher weitläufig, was ihre Nester und Eier verwundbar gegenüber Ratten macht. Allerdings scheint das nicht mehr das aktuell vordringlichste Problem für den Rückgang der Pinguine zu sein, der Grund dafür ist/war ungeklärt. Ich selbst hab übrigens keinen zu Gesicht bekommen, der Trail wird bewusst weitläufig um die Brutstätten herumgeführt.

Murray Beach - eigentlich gehört der in die Karibik, haben die Kiwis aber billig erstanden

Bevor wir uns verabschiedeten, erzählte ich ihm, dass ich nun 3,5-4 Stunden unterwegs wäre und hoffte bald an zu kommen. Er meinte darauf, dass das zu lange wäre, schließlich wäre das noch der einfache Teil des Weges gewesen. Ich glaubte ihm nicht, und ging davon aus, dass er sich mit den anderen hat via Water-Taxi am Strand hat absetzen lassen und nicht wissen könne, was ich schon durchgemacht habe. Die Vermutung wird wohl gewesen richtig sein, die Schlussfolgerung allerdings definitiv nicht.

Direkt hinter dem Strand, wieder auf dem Pfad Land einwärts, kam ich am Basislager der YES-Beobachter vorbei: einer Konstruktion aus Zelt- und Plastikplanen, diversen Gerätschaften und Holz-Paletten als Fußboden, alles recht schlammig, aber das bleibt auf Stewart Island wohl kaum aus.

Die nächsten 1-2 km gingen über einen Holzweg sehr zügig und ich frohlockte schon, bald da zu sein. Doch dann hörte der Holzweg auf und der Schlamm hatte mich wieder. Weiterhin versuchte ich verzweifelt möglicht unverschlammt den Weg hinter mich zu bringen. Was mich viel Zeit, Nerven und Kräfte kostete.

Nach insgesamt 7,25 Stunden erreichte ich die Hütte, also hab ich ca. 50% länger gebraucht als veranschlagt. Zudem hatte ich mir kleinere Blasen gelaufen. Trockene Füße sind ein Luxus, den ich erst auf dieser Tour so richtig zu schätzen lernte. Dem Schlamm halten die besten Schuhe auf Dauer nicht stand. Ich fühlte mich mies und unfähig. Allerdings nicht lange. Ein heißer Tee und die Feststellung, dass die Blasen nicht schlimm sind, reichten da völlig aus.

Zum Abendessen hab es gefriergetrocknetes Hühnchen a la Thai Curry - würg. Es gibt nicht schlimmeres als Huhn, wenn es um Trockenfutter geht. Zudem schien ein Gewürz im Huhn zu sein, dass ich nicht vertragen habe, ich hatte kurz nach der Mahlzeit Schluckbeschwerden, die sich allerdings mit meinem Grünen Tee binnen 10 Minuten heilen ließen. Na gut, wahrscheinlich wären sie auch ohne den Tee abgeklungen. Ich machte mir ernsthaft sorgen, dass ich das Trockenfutter gar nicht vertrage und fragte mich schon, was ich dann die nächste Woche essen sollte. Gott sei Dank war es nur dieses Thai Hühnchen, was ich nicht vertrug.

Als es Anfing dunkel zu werden, begann ich mir ernsthaft sorgen wegen der beiden Amerikaner zu machen. Der letzte Teil der Strecke war, verglichen mit dem, was noch kommen sollte, nicht wirklich dramatisch gewesen, aber den letzten Abhang hinunter von der Kreuzung zum Hunters Camp ist in der Dunkelheit nicht zu empfehlen. Kurz vor Dunkelheit kamen dann doch noch zwei neue Ankömmlinge: Rob und Steve. Ein Engländer, der in Neuseeland lebt und ein wasch echter Neuseeländer. Steve genoss seinen letzten Urlaub in Freiheit für die kommende Dekade und darüber hinaus. Seine Frau hat einige Monate später Zwillinge bekommen. Sie fragten mich, ob ich der Hüttenwart wäre, was ich natürlich verneinte.

Die beiden kamen von der ersten Hütte, Port William, die ich übersprungen hatte. Eine gute Methode, die Übernachtungskosten in Half Moon Bay zu sparen. Steve rannte in kompletter Army-Montur rum. Sämtliche Klamotten waren von der Neuseeländischen Armee, wo er noch vor ein paar Monaten gedient hatte, jetzt war er Reservist. Rob war das krasse Gegenteil, er erinnerte eher an einen Spät-Hippi - schon ein seltsames Pärchen, aber lustig. Steve hatte einen schier unerschöpflichen Vorrat an Süßigkeiten und Knabberzeugs bei, den er im Austausch gegen ein Glas von meinem Whisky bereitwillig teilte. Rob hingegen diente zu diesem Zeitpunkt als unersetzlicher Übersetzter für mich vom Neuseeländischen ins Englische ,-) Beide hatten auch die Amerikaner getroffen und berichteten, dass beide am Stand auf etwa der Hälfte des Weges ihr Zelt aufgeschlagen hätten. Das beruhigte mich denn doch, wenigstens sah ich sie nicht mehr mit gebrochenen Knochen im Regenwald liegen.

Auch wenn sie es noch nicht wussten, so sollten die beiden meine Wegbegleiter bis zum Ende des Trails werden. Mein Plan war Montags oder Dienstags fertig zu werden, sie hingegen mussten spätestens Sonntag wieder in der Zivilisation sein, da Steve am Montag wieder arbeiten musste. Letzten Endes gingen beide Pläne auf, wenn auch anders als wir dachten.

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