Der schönste Blick aus der Hütte

Der Morgen begann schon schlecht, ich hätte gleich merken müssen: das war nicht mein Tag! Als erstes entdeckte ich, dass ich Depp mein zweites Paar Socken verloren hatte, oder besser gesagt, in einer der vorherigen Hütten unabsichtlich zurückgelassen habe. Die, die ich an hatte, standen jetzt schon vor Dreck. Hohe Schuhe hin, hohe Schuhe her, dieser Schlamm durchdringt alle ... so glaubte ich.

Zunächst frühstückten wir gemeinsam, für mich gab es Haferflocken mit Milchpulver und Tee, für Steve gab es Rührei (frisch!), fehlte eigentlich nur noch der Toast und der Speck, was Rob gegessen hat, weiß ich nicht mehr. Die beiden brachen ca. 10 Minuten vor mir auf, aber auf der Strecke haben wir uns, wie überhaupt in den kommenden Tagen, ständig gegenseitig überholt. Zumeist holte ich sie auf den Anstiegen ein. Steve war mit seinem Riesenrucksack da im Nachteil, sie holten mich meist kurz nachdem ich eine Rast einlegte ein und gingen weiter. Alles in allem habe ich herausgefunden, dass ich schneller bei Anstiegen und erst recht in der Ebene am Sandstrand entlang schneller war, sie auf Steinstränden (ich sah mich immer schon mit gebrochenen Hacken auf den Steinen liegen) und den Berg runter. Vielleicht liegt es an meiner Höhenangst, aber bergab werde ich sogar von Schnecken überholt, da ich viel zu vorsichtig bin.

Der Tag war die Hölle: die Strecke ist die mit Abstand schwierigste an der Westküste. Hier erfuhr ich, dass der Schlamm der Vortage nur ein Vorgeplänkel für das war, was ab hier begann. Die Versuche neben dem eigentlichen Weg oder an seinem Rand entlang zu gehen, verlor ich nicht nur sehr viel Zeit sondern gelegentlich auch die Balance. Einmal wäre ich fast vorwärts den Hang runtergestürzt, danach war ich Rand voll Adrenalin und froh, dass nichts passiert ist.

Bislang hatte ich noch keine aufregenden Tiere gesehen, nur ein paar kleinere, flugfähige Vögel, keine Kiwis, keine YEPs. Ich entwickelte auf diesem Trip mit all dem Schlittern, rutschen, schlammwaten, dem ewigen rauf und runter eine Theorie bezüglich der Kiwis von Stewart Island, die auch erklären, warum der Brown Stewart Island Kiwi der einzig tagaktive Kiwi ist: sie sitzen irgendwo im Farn, wo sie die besonders schwierigen Stellen des Weges beobachten und den vorbeikommenden Touristen Noten für die Pflicht (wandern) und die Kür (ausrutschen) geben. Die Nächte verbringen sie damit den Weg mit ihren kräftigen Füßen aufzugraben und das Wasser in die so entstandenen Kanäle zu leiten, so dass ein schöner tiefer Schlammgraben entsteht, den die Leute vom DOC dann „Trail” nennen.

Alles in allem besteht der Teil zwischen Xmas Village und Yankee River aus drei Etappen: zunächst geht es auf ca. 260m hoch dann zu einem gut zwei Kilometer langen Sandstrand und abschließend noch mal auf 180m rauf und wieder runter zum Strand.

Natürlich geht es nicht einfach nur rauf und wieder runter, wie bereits geschrieben: es geht 20m rauf und 10m senkrecht wieder runter zum Fluss und wieder rauf, dann wieder 20m weiter usw. usw. usw. Aber das kannte ich ja schon. Auf dieser Strecke werden neue Hindernisse eingeführt: umgestürzte Bäume. Aber nicht mehr wie am ersten Tag, wo man einfach drüber steigen konnte, diese hier muss man entweder weiträumig durch dichten Farn umgehen, versuchen darüber zu kletern oder aber drunter durch zu kriechen. Die absolute Härte war jedoch ein Baum, der so geschickt auf den Weg gefallen ist, dass man die 90Grad Abzweigung glatt verpasst und stattdessen weiter gerade aus rennt (siehe Foto). Da man nicht der erste ist, dem das passiert ist, scheint der Trampelpfad sogar zunächst noch zu existieren, nur die Wegweiser fehlen. Nach etwa 50 m kommt man zu der Überzeugung, dass das nicht der Weg ist. Also wieder zurück bis zu dem Punkt, an dem ich mir sicher war, noch auf dem Weg zu stehe. Dort habe ich in meinem GPS erst einmal einen Anker gesetzt: egal was jetzt passieren würde, hierher musste ich zurück finden. Ich legte eine Snack-, Pinkel-, Trink- und Rauchpause*) ein, in der Hoffnung, dass Rob und Steve mich einholen würden und eine Idee hätten. Nach 15 Minuten gab ich das Warten auf und entschied statt dessen, dass der umgestürzte Baum vielleicht doch so unglücklich auf den Weg gefallen ist, dass er genau auf dem Schlamm lag, der für gewöhnlich den Weg markiert. Nach wenigen Metern wusste ich, dass ich Recht hatte.

Der Weg war angesetzt auf 6 Stunden, gebraucht habe ich aber 9 ¼ Stunde. Mein Schnitt mit rund 50% mehr Zeit ist also geblieben, na ja, etwas schneller schon aber auf jeden Fall zu lang. Ich begann mir wegen der 8 Stunden Trips Sorgen zu machen, von denen noch zwei vor mir lagen, das wären dann 12 Stunden für mich. Ich nahm mir vor an den Tagen früh aufzustehen, die Sonne blieb ja lange genug am Himmel.

Irgendwo auf der Strecke hatte ich meine Karte verloren, sie war mir aus der Hose gefallen. Ich sag ja, das war nicht mein Tag. So wie am Tag zuvor, als ich meine Wasserflasche verloren hatte, so wurde auch die Karte von den beiden Wanderern hinter mir gefunden. Rob und Steve kamen eine dreiviertel Stunde nach mir an. Das baute mich auf, es gab noch andere, die auch nicht schneller waren. So langsam entwickelte ich den Glauben, dass die Zeiten, ebenso wie die Kilometerangaben vom DOC reinste Fantasieangaben waren oder zu einer Zeit gegolten haben, als die Wege noch Wege und keine Aneinanderreihung von 100m langen Schlammpfützen.

Egal wie hart der Tag auch gewesen sein mag, Yankee River Hut entschädigt für alles. Sie ist meiner persönlichen Meinung nach die am Schönsten gelegene Hütte der Wanderung bei so einem Anblick, wusste ich, wofür ich gelitten hatte. Sollte ich jemals wieder nach Stewart Island kommen, so werde ich dort bestimmt einen Tag verbringen. Die Hütte liegt ca. 50m vom Strand entfernt an einem wunderschönen Fluss, das Licht war fantastisch. Das einzige was störte war, dass meine Freunde, die Sandfliegen auch schon alle da waren und die Hütte (als einzige) kein Fliegengitter an den Fenstern hatte. Doch damit konnte ich leben.

Da ich ja mein anderes Paar Socken verloren hatte, beschloss ich dieses zu Waschen. Der Abend war schön sogar die Sonne schien, ich hoffte, dass die Socken bis zum nächsten morgen schon trocken würden, wenn nicht: auch egal, nass waren sie sowieso. Überhaupt legte ich einen Waschtag ein, inkl. Haare waschen, so richtig mit allem was dazu gehört und das mitten in der Wildnis. Wie gesagt, nicht mein Tag: zwei dicke Blasen an den dicken Zehen hab ich mir gelaufen, sie waren aber noch geschlossen und ich stellte die ewig alte Frage: aufschneiden und pflastern oder zu lassen. Bei kleinen Blasen ist meine Erfahrung: zu lassen, solange sie nicht aufgehen oder größer werden, ist das die beste Variante. Bei großen hingegen besteht immer die Gefahr, dass sie sich von selbst öffnen und dann wundscheuern. Trotzdem beschloss ich das Problem auf den morgigen Vormittag zu vertagen.

Nach dem Waschen gab es Abendessen, bei mir wieder Trockenfutter mit heißem Wasser versetzt, Rob war, wie sich herausstellte Vegetarier (als ob ich’s nicht geahnt hätte :wink: ), also Nudeln mit irgendwelchem Trockengemüse und Steve kochte wieder, wieder Rührei (wieder Frisch) dazu Nudeln und irgendeine Militärfleischpastensauce. Kein Wunder, dass er gleich Zwillinge gezeugt hat, bei den ganzen Eiern, die der gefuttert hat.

Da es später denn doch kühl wurde, machten wir Feuer im Ofen und hängten unsere nassen Schuhe, T-Shirts und Hosen darüber auf, in der irrigen Hoffnung, sie würden über Nacht trocknen. Bei Tee, Whisky, Studentenfutter, Snakes (Fruchtgummie, Steve, wer sonst) und einem Spiel namens Black Jack beendet wir den Tag im Kerzenschein und zogen uns dann „auf unsere Zimmer” zurück. Was sie Black Jack nannten, entspricht übrigens dem deutschen MauMau. Was sie so witzig fanden, dass wir nach ihren Regeln aber mit den deutschen Begriffen spielten.

*) Ja, ich hab geraucht, aber ich schwöre, nicht eine Zigarette habe ich auf der Insel zurückgelassen, die nicht entweder im Feuer oder einem Mülleimer gelandet ist. Letztere gibt es nur in Half Moon Bay. Ich hätte das als Sakrileg empfunden.

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