Point of no Return

Der Tag begann gut, das Wetter war sonnig. Nach dem bislang eher durchwachsenem Wetter, machte ich mir allerdings nicht allzu viele Hoffnungen, dass die Sonne sich durchgängig würde halten können. Insbesondere die letzten Tage waren kühl gewesen. Nach dem Aufstehen stellte ich fest, dass sich meine Hoffnung auf trockene Socken über dem Ofen leider nicht erfüllt hatte. Aber gut, nass würden sie im Schlamm der nächsten Kilometer sowieso wieder, was soll’s. Bevor ich sie anzog versorgte ich denn doch noch meine Blasen an den beiden Zehen, die sich leider nicht auf wundersame Weise aufgelöst hatten. Ich schnitt sie auf und klebte Blasenpflaster drauf. Dann die Socken drüber, in der Hoffnung, dass sie durch die Körperwärme während des Frühstücks doch noch etwas trockener würden.

Meine beiden Mitbewohner waren bereits vor mir aufgestanden und schon fast mit dem Frühstück fertig: bei Rob gab’s schon wieder Ei ... hatte der Kerl ein Huhn im Rucksack? :confused: Zuzutrauen wäre es ihm.

Die beiden zogen deutlich vor mir los, ich musste noch packen und die Hütte auf Vordermann bringen.

Der Weg geht zunächst über eine Bretterpiste den Weg des Vortages inseleinwärts ca. 500m zurück den Weg des Vortages bis zu einer der lieb gewordenen Hängebrückenkonstruktionen. Diesmal überquert man den Fluss allerdings. Direkt dahinter geht es dann innerhalb von zwei Kilometern auf 250m rauf anschließend wieder innerhalb von 1,5 km die ganze Strecke wieder runter. Ne echte Schlitterpartie, Skier würden sich hier lohnen. Unten angekommen steht man vor riesigen Dünen. Dies ist auch eine der ganz wenigen Stellen, wo der Weg nicht offensichtlich ist, da sich auf Dünen kein Matsch bildet:) Direkt die erste Düne nimmt man von der Flanke her steil rauf durch den tiefen Sand. Dann hat man wenigstens noch ein wenig Sand in den Schuhen und nicht nur Schlamm. Der nächste Teil bis zum Strand ist einfach zu laufen, zieht sich aber, Smokey Beach ist ein echt langer und tiefer Strand mit seeeehr viel Sand.

Als ich über den letzten Dünenkamm kam traf ich Rob und Steve wieder, sie waren gerade mitten in der Mittagspause. Ich beschloss, dass der Platz dafür wirklich ideal war und tat es ihnen nach. Sie beendeten die Pause vor mir und zogen weiter den Strand entlang, ich rastet noch etwas und folgte ihnen dann noch in Sichtweite. Der Strand ist gut 2km lang und nach den Strapazen des bisherigen Weges so eine Art Schnellstraße. Wie ich bereits schrieb, in der Ebene war ich schneller als sie, und so holte ich sie fast bis zum Ende des Weges ein. In der „Anleitung” zum NWC des DOC stand, dass man bei Ebbe am Ende des Strandes durch den Fluss waten könne und so ein wenig abkürzen könne. Rob dreht lief auf die Düne bis zur Flussmündung drehte ab und ging ins Landesinnere. Ich beschloss erst gar nicht bis auf die Anhöhe zu laufen und ihnen gleich Richtung Brücke hinter her zu laufen. An der Brücke holte ich sie dann ein, da man die Konstruktion jeweils nur einzeln überqueren darf, bilden die Brücken eine Art natürlichen Flaschenhals für Reisegruppen. Hinter der Brücke endete die Schnellstraße mit dem ersten Schritt auf festen Boden: Schlammlöcher! Es gibt zurück bis zu der Stelle, an der Rob abgebogen war, dort stellten wir als erstes fest, dass man an zu dieser Zeit und an dieser Stelle problemlos die Flussmündung hätte überqueren können :motz: , na ja auf die 15 Minuten Umweg kam es nun wirklich nicht an.

An dieser Stelle geht es denn auch gleich wieder steil den Berg rauf, zunächst felsig, dann matschig. Wir liefen ständig aneinander vorbei. Zuletzt setzte ich mich dann doch ab - wie gesagt rauf war ich besser, aber wir mussten ja auch wieder runter. In gut 200m Höhe läuft man dann eine Weile fast eben. Hier machte ich Pause und wurde von den beiden doch noch vor dem Berg-Ab eingeholt. Der Weg oben auf den Bergen ist auf der Nord-Ostseite der Insel in aller Regel relativ trocken. Es scheint dort so etwas wie eine „Matsch-Grenze” zu geben, analog zur Schneegrenze in höheren Gebirgen. Ich schätze, dass liegt daran, dass der Matsch durch den Regen entsteht und sich durch das Wasser halten kann, dass die Berge runter fließt. Steht man oben auf dem Berg, kann sich das Wasser nicht so lange sammeln.

Am Ende des Hochplatos geht es dann gleich wieder steil runter. Wenn man dann am Ende aus dem Wald heraustritt sieht man die Hütte kurz vor sich auf einer Anhöhe liegen und denkt sich: „In 5 Minuten bist du da” - Fehler! Der Weg wendet sich zunächst nach rechts ab und führt weiter bis zum Strand. Dabei kommt ja jedoch an einer wirklich schönen Stelle vorbei, die den Umweg wert ist.

Davon mal abgesehen, kann man von dem Blick auf die Hütte den schmalen Graben jedoch auch nicht einsehen, der den Umweg über den Strand notwendig macht. Vom Strand aus geht es wieder ein kleines Stück Berg auf zur Hütte.

Zu Long Harry muss gesagt werden, dass es sich nicht mehr um die Hütte handelt, von der man in vielen Reiseberichten im Internet liest, der kleinen Hütte, wo man regelmäßig „Harry” treffen konnte, einen Steward Island Brown Kiwi, der häufig an der Hütte vorbei gekommen ist auf seinem täglichen Rundgang, oder was Kiwis sonst so morgens und abends treiben. Dafür ist die Hütte nahezu neu. Anders als die Hütten zuvor bestand sie aus einem einzigen großen Raum und war sehr hoch.

In der Hütte traf ich natürlich die kurz vor mir eingetroffenen Mitwanderer und zudem eine junge Frau, die hier Station machte und zu den YEP-Beobachtern gehörte. Von ihr, weiß ich auch die Sachen, die ich bereits über die YEPs geschrieben hatte.

Da der Weg diesen Tages relativ kurz war und nicht sonderlich anstrengend war ich relativ früh am Nachmittag angekommen, zudem war es wunderschön warm, leicht windig und sonnig. Ich beschloss den Trick mit dem Sockenwaschen und Schuheaufhängen noch mal zu versuchen.

Kurz nach mir kam noch ein weiteres Pärchen an. Zu den beiden kann ich wenig sagen: die fielen in die Kategorie: Powerwanderer. Sie hatten Yankee River übersprungen, ebenso wie sie am Folgetag auf East Rugedy verzichten würden. Sollte mal jemand die Tour unter Zeitdruck machen: diese beiden Hütten kann man überspringen, sollte sich aber genug Zeit dafür nehmen, also früh aufstehen, im Falle von East Rugedy rate ich allerdings davon ab!

Die beiden sagten nichts, kochten sich schnell etwas und verschwanden im Schlafsack. Entweder hatten sie beim Gepäck extremoptimiert oder aber sie konnten sich keine zwei davon leisten Regelmäßig ging ich nach draußen auf die Veranda, genoss den Ausblick und schob die Schuhe wieder in die Sonne. Dabei hab ich allerdings vergessen, meine Füße, die ja nackt waren, mit Insektenschutzmittel einzureiben ... großer Fehler. Am nächsten Morgen, sahen sie aus wie zwei Pizzen. Aber die Bisse jucken wenig und anders als zwei an der Hand, entzündeten sie sich auch nicht.

Die Beobachterin kam auch einmal auf die Terrasse und bewegte ihr Handy wie in Pantomime, als würde sie mit einem Kabelsuchgerät eine Wand absuchen. War auch nicht ganz falsch die Vermutung, sie suchte nach Empfang. Als sie ihn hatte telefonierte sie denn auch gleich, erfreut ihn zu haben. Beim Abendessen wurde ich dann richtig neidisch: die YEP-Beobachterin war mit ganzen Tonnen angereist und fing richtig an zu kochen ... und das nach drei Tagen Trockenfutter *grummel*. Nach dem Essen spielte der Rest von uns, der nicht in einem Schlafsack eingezwängt lag, zunächst eine Runde Mau Mau, was uns allerdings schnell zu langweilig wurde, darum schwenkten wir um und stellten uns Gegenseitig Rätsel. Alles in allem ein kurzweiliger Abend. Meine beiden Blasen machten mir zu schaffen, sie brannten, sahen aber nicht entzündet aus. Trotzdem hinderten sie mich am Einschlafen so dass ich mich genötigt sah eine Aspirin zu nehmen. Wer mich kennt, weiß was das heißt :ill: Mann der ich nun einmal bin, gibt es mich nur gesund oder sterbenskrank. Vor dem Einschlafen beschloss ich letzteres zu sein und ergab mich in Selbstmitleid, überlegte, ob ich die Pinguin-Frau nicht fragen sollte, ob sie mir ein Wassertaxi rufen könne und ich den Weg hier beenden sollte. Wenn nicht hier, dann wäre Fresh-Water-Landing der nächste Punkt, die Route zu beenden, denn bis dahin gab es kein Entrinnen mehr, und ob man dort - im Paterson Inlett - zufällig auf ein Wassertaxi trifft ist ungewiss. Ab der nächsten Hütte wäre es vorwärts genau so weit wie zurück, the Point of No Return.

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