Auf zum Ritz

Es ward Abend, es ward Morgen: der 5. Tag. Dank der Aspirin hatte ich gut geschlafen, war mir aber noch unsicher, was ich machen sollte. Also erstmal in Ruhe aufstehen und bei den Dicken Zehen nachhören, was sie so zu sagen haben. Es kamen noch leichte Beschwerden und ich beschloss ihnen Zeit bis nach dem Frühstück für eine Entscheidungsfindung zu geben.

Das Wetter war, wie man es sich nicht besser wünschen konnte: die Sonne lachte vom Himmel, die Temperaturen müssen so um die 20-22° gelegen haben - gefühlt. Also nicht zu kalt, nicht zu warm. Aber ich war auf der wetterabgewandten Seite der Insel, wer weiß, was sich auf der anderen Seite gerade zusammenbraut und dort sollte es heute hingehen.

Während des Frühstücks kam mir ein Gedanke: ich war nun 4 Tage unterwegs, geplant waren 10-12 und in NZ war ich für drei Wochen. Ein Stadtkind bin ich nun wirklich nicht, und was ich hier bislang an Städten gesehen hatte, ermutigte mich auch nicht, eine Städterundfahrt zu beginnen. Für Christchurch waren ohnehin 2 ½ Tage vor dem Abflug bereits eingeplant. Was sollte ich also mit der ganzen Zeit anfangen. Meine Zehen stimmten den Überlegungen zu, als ich ihnen mitteilte, dass ein Wunder geschehen war: die Schuhe und Socken waren trocken.

Ich verpflasterte die Zehen, genoss es meine Füße in trockene Socken und dann in trockene Schuhe zu stecken. Wen interessieren bei solchen Wohlgenüssen schon ein paar 100 Sandfliesbisse auf den Füßen und bestens versorgte Blasen.

Diesen Tag brach ich - wie bislang immer - als letzter auf, nur die YEP-Beobachterin war noch da, als ich loszog. Sie holte mich kurze Zeit später wieder ein: ich schob ihre Leichfüßigkeit im Schlamm auf die Gummistiefel und das fehlen eines Rucksacks - da kannte ich „Herz-Luge-Beine” aber auch noch nicht.

Zunächst ging es bergauf durch mittlerweile gewohntes Terrain. Ich hatte mir bereits abgewöhnt „tramping” in das Hüttenbuch unter „Main Activity” einzutragen und war zu „mud surfing” übergegangen. Wahrscheinlich haben Rob/Steve und ich uns ständig gegenseitig überholt, sicher bin ich mir da aber nicht. Sicher ist hingegen, dass ich sie bei meiner größten Niederlage des Weges einholen sollte, einem namenlosen, hackenbrechenden, ewiglangen Steinstrand.

An seinem Anfang holte ich sie ein, als sie eine Pause machten. Es war gegen Mittag also machte ich auch Pause und ließ sie von dannen ziehen. Wieder einmal hatte ich meine Karte verloren, machte mir deswegen aber keine Sorgen. Auf diesem Weg war ich ohnehin der einzige, der eine bei hatte. Wozu auch: sie ist viel zu ungenau, die Beschilderung ist meistens ausreichen und im Wald folgt man einfach der Matschspur. Die beiden brachen 10 Minuten vor mir auf und ich verfolgte ihr fortkommen. Bei Sandstränden galt auf dem Trip, dass die die Durchschnittgeschwindigkeit drastisch erhöhten, bei Steinstränden das genaue Gegenteil. Es sind nicht diese kleinen Kieselsteine aus Nachbars Steingarten, es sind wild aufeinander geschmissene Miniberge, manche „spitz”, manche wacklig, manche einfach nur so doof.

Als ich ihnen nach 10 Minuten folgte, verlor ich sie aus den Augen, da ich mich auf das Steinspringen konzentrieren musste. Der Strand umfasst nicht eine Bucht sondern zwei, wie „W”. Schnell sah ich sie also gar nicht mehr. Da die Steine auch noch viele Töne von grau darstellen, Steve ohnehin in Tarnklamotten rum rannte und Rob auch nicht besonders Farbenfroh gekleidet war, auch der Rucksack nicht, konnte sah ich sie vor dem Hintergrund nicht mehr. Darum ging ich davon aus, dass der Weg nicht den gesamten Strand umfasst, sondern irgendwo vorher wohl abzweigt und wieder in die Berge geht, denn sonst - so meine Theorie, müsste ich sie noch sehen. Ich ging weiter ca. ¾ des Weges, dann beschloss ich, dass ich zu weit wäre und rannte, ähh nein, und hüpfte und kletterte die halbe Strecke noch mal zurück, als ich mir sicher war, dass ich die Ausfahrt nicht verpasst haben konnte, nahm ich die Strecke dann zum dritten Mal. Der Ausgang war am Ende. Der Weg ging wieder in die Berge. Kurz vor dem letzten Abstieg gab es eine Abzweigung zu einem Aussichtspunkt. Jemand hatte hinter dem offiziellen Schriftzug so was wie „mud” oder „really muddy” eingeritzt. Ich beschloss die 150m trotzdem zu laufen. Es waren in der Tat, die bislang matschigsten 150m aber die Aussicht entlohnte alles. Von dem Aussichtpunkt, einem Felsen am Ende der Abzweigung, hat man eine herrliche Sicht auf die kleinen vorgelagerten Inseln, den Sandstrand und das Innland.

Als ich zum Aussichtspunkt unterwegs war, hörte ich, wie hinter mir zumindest zwei Leute vorbeigingen. Wo kamen die denn her? Hatten die etwas Long Harry übersprungen?

Nach dem intensiven Genuss des Aussehens und einer Rast, machte ich mich an den Abstieg zum Strand. West Ruggedy ist der wohl einzige Strand, den der Weg berührt einen aber nicht automatisch zum Meer führt. Ich beschloss, das Meer Meer sein zu lassen und zog direkt zur Hütte weiter. Zwischen die Hütte und den Strand hatte das DOC jedoch den Ruggedy River gesetzt und zwar diesmal ohne Brücke. Der Sand ist extrem weich und der „Fluss” in aller Knöcheltief, gerade so, dass er über die Schuhe reicht und es gibt Löcher im Flussbett. Ich lief den Strom zunächst aufwärts, in der Hoffnung eine günstige Stelle zu finden, fand aber keine. Wären die Blasen nicht gewesen, hätte ich die Schuhe ausgezogen, so hatte ich die Hoffnung es trockenen Fußes zu schaffen. So entschied ich mich für die breiteste, davon ausgehen, dass dort der Wasserstand am niedrigsten ist. Der Plan wäre auch fast aufgegangen ... fast. Nun gut: morgens mit trockenen Schuhen los und bei der Ankunft steht das Wasser drin, warum nicht.

Danach ging es dann auch noch durch die Sanddünen den Hang rauf, so dass sich zum Wasser auch noch der Sand gesellte. Aber die Hütte war dann endlich erreicht. Alles in allem einer der härteren Tage, mich hat er geschlaucht, was aber vor allem meiner Kür am Steinstrand zu verdanken ist, sonst wäre es ein „gewöhnlicher” Tag gewesen.

Die Hütte liegt im Wald, relativ weit entfernt vom Strand etwas im Wald verborgen. Ich überlegte, ob das bedeutet, dass dort keine Sandflies sind, schließlich gibt es die im Wald so gut wie gar nicht. Meine kleinen Freunde machten jedoch für Hütten eine Ausnahme von dieser sonst gültigen Regel.

Nach meiner Ankunft im Ritz zog ich erstmal die Schuhe aus und befreite sie vom Dreck. Mit Schuhen darf man ohnehin nicht in die Hütten. Außerdem spülte ich auch den Sand raus, da sie eh schon vom Fluss her unter Wasser standen, sah ich darin kein Hindernis. Meinen Füßen ging es trotzt des Steinstrandes erstaunlich gut. Die beiden Zehenblasen muckten kaum rum. Dafür entzündeten sich zwei Sandfliegenstich an der Hand ziemlich übel, so dass bis heute noch eine Narbe davon habe. Es schmerzte nicht, aber zunächst glaubte ich an Borreliose, sah zumindest genauso aus. Können Sandfliegen das Übertragen? Zecken an der Hand. Wie sich später ergab, gibt es in ganz Neuseeland keine Zecken, die wussten überhaupt nicht wovon ich Sprach, bis Rob (Engländer) es ihnen erklärte.

In der Hütte traf ich erwartungsgemäß Rob und Steve und ein Geschwisterpärchen, beide so Mitte. Beides Kiwis (Neuseelander) allerdings arbeitete sie als Englischlehrerin in Australien, er studierte noch. Sie konnte ich gut verstehen, er sprach ohnehin wenig. Sie hatten meine Karte gefunden, eigentlich waren die beiden anderen ja dafür zuständig meine Habseligkeiten hinter mir aufzusammeln. Nun gut, auf diese Weise hatte ich zumindest für ein gemeinsames Gesprächsthema gesorgt und mich ins Zentrum des Spotts gebracht. Die beiden hatten auch die beiden Amerikaner getroffen. Sie hatten nicht abgebrochen, sondern zogen tapfer weiter. Er trug erstens mittlerweile auch den Rucksack seiner Mutter und zweitens wieder seine Jeans. Das katapultierte mich aus dem Fokus des Spotts. Mutter und Sohn waren an dem Tag auf dem Weg zur Long Harry Hut gesichtet worden man vermutete, sie würden auf dem Weg dorthin zelten. Außerdem wussten die beiden neuen zu berichten, dass noch drei weitere eintreffen würden. Sie boten mir auch warmes Wasser zum Waschen aus ihrem Blackbag an ... endlich noch mal mit warmen Wasser zumindest die Haare waschen. Dem war auch so, ein Mann und zwei Frauen kamen noch dazu. Sie hatten sich an irgendeinem Strand mit dem Wassertaxi absetzten lassen und wollten nur bis Freshwater Landing, dort hatten sie bereits ein Taxi bestellt. Das waren alles in allem vier Tage. Zumindest die beiden Frauen hatten den NWC schon mal gemacht und wollten nur noch mal diesen Teilabschnitt laufen. Die drei kannten sich aus einem „Tramping Club”, also einer Wandergruppe. Die gibt es in Neuseeland wohl so häufig wie Kegelclubs in Deutschland. Die beiden Frauen schätzte ich auf Mitte 40, er war Anfang bis Mitte 50.

Es wurde noch ein wenig gequatscht allerdings nicht mehr sehr lange, bevor es dann ins Bett ging. Vorsichtshalber legte ich mir abends schon mal meine Wasserflasche und ein Aspirin bereit, habe sie aber nicht mehr gebraucht. War wohl wirklich männliche Hypochondrie gewesen, jetzt hatte ich ja den Insektenstich um darüber panisch zu werden, und der sah nur übel aus, schmerzte aber nicht. Na dann ... gute Nacht.

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