Der Tag des Kiwis

Der Tag begann wie jeder andere auch mit aufstehen. Ich kletterte also von meiner „Bank“ aus der oberen „Etage“ runter auf den Boden, zog mich an, putzte mir brav die Zähne und machte mir mein Frühstück. Wie lange kann man eigentlich von Trockenfutter und Haferschleim leben, bevor einem die Zähne ausfallen, weil sie sich überflüssig vorkommen? Nein, diese Frage stellte ich mir zu dem Zeitpunkt nicht, morgens nach dem Aufstehen bin ich zu solch klaren Gedankengängen nicht fähig; die kam mir erst gerade.

Brüderchen und Schwesterchen schmierten sich noch Brote für die Mittagsrast, vielmehr sie schmierte die Brote und zwar als wollte sie eine Armee versorgen. Über meinem Haferbrei wurde ich neidisch. Wie hatten die das alles in ihre Rucksäcke bekommen? Egal, ein paar Pfunde weniger schaden mir auch nicht, also nur kein Neid.

Ein Blick aus dem Fenster offenbarte: nach dem sonnigen Wetter des Vortages beginnt dieser Tag mit Regen, Regen und noch mehr Regen. Na gut, es schüttet nicht aus Eimern, zumindest nicht durchgängig aus Eimern aber der Regenwald machte seinem Namen alle Ehre. Bei dem Sauwetter beschloss ich meine Digitalkamera sicher im trockenen Rucksack zu lassen und das war dämlich, dämlich, dämlich. Aber nicht halb so dämlich wie Steve es in wenigen Minuten - kurz nach dem Aufbruch - sein würde.

Ich wollte zeitig aufbrechen: heute stand laut DOC eine 7-8 Stundentour auf dem Plan. Doch zum einen hatte ich bislang nur am ersten Tag die Zeit einhalten können und zum anderen hatte der Streckenverlauf sich geändert gegenüber dem der Zeitangabe geändert: eine zusätzliche Schleife zum East Ruggedy Strand hinunter, was den Weg a) verlängerte und b) eine weitere Steigung ins Spiel brachte. Ich rechnete vorsichtshalber mit 12 Stunden, war aber dann doch deutlich schneller, es müssen so um die 10 Stunden gewesen sein. Aufgebrochen bin ich als vorletzter kurz hinter Steve und Rob so gegen halb Zehn morgens, nur der ältere Neuseeländer war noch da, streng genommen, war er gerade erst aufgestanden.

Ich war noch keine 500m über festen Boden (!!) gelaufen da traf ich auch schon wieder auf Rob und Steve, beide wild in meine Richtung gestikulierend: der eine nickte wild mit dem Kopf, der andere zog mir eine Nase, beide winkten mich aufgeregt schnell aber leise zu kommen. Was war da los? Ich kam vorsichtig näher. Und da sah ich ihn: einen großen, freundlichen Kiwi („a big & friendly kiwi“, wie’s im Hüttenbuch immer vermerkt wird). Um der Wahrheit die Ehre zu geben, vermuteten wir später das es eine sie war, kein er: die Weibchen sind Größer und streifen auch mehr um her als ihre männlichen Artgenossen. Das ich ihn am Tag sah, ist grundsätzlich ungewöhnlich, da Kiwis nachtaktiv sind, außer der Stewart Island Brown Kiwi, der ist tagaktiv. Beeindruckende Erscheinung: sie stand mitten auf dem Weg, rannte ein bisschen hin und her und untersuchte mit ihrem riesigen Schnabel den Boden. Ich hatte sie mir nicht so groß vorgestellt, das Exemplar ging mir aufgerichtet bestimmt bis zu den Knien (ich bin 1,80), ich schätze daher, sie war voll ausgewachsen (bis zu 50cm). Kiwis sehen aus wie Stehaufmännchen mit riesigem Schnabel, weshalb sie nicht aufrecht stehen, sondern wegen der Schwerkraft und des Hebelgesetzes eine Schieflage in Richtung des Schnabels haben.

Wo war noch mal mein Fotoapparat? Genau! Aber Steve hatte seinen zur Hand und machte ein paar Fotos… so glaubte er! Nicht einmal hat das Sch***teil funktioniert! Nicht ein verd**tes Foto!

Ich hatte als Reisevorbereitung einige Berichte über den NWC gelesen und viele hatten (angeblich) einen Kiwi gesehen, keiner hatte ihn fotografiert. Damals glaubte ich das schon gar nicht mehr, jeder erzählte dasselbe. Tja, und was soll ich sagen: uns ging’s genauso! :grrr: Sollte der geneigte Leser mir auch nicht glauben wollen, ich kann’s nur zu gut verstehen: so viele Bilder und ausgerechnet den Kiwi soll ich verpasst haben?

Ich habe meine Theorie über Kiwis derweil erweitert: neben Ausgeben von Schlammpfützen und Juryarbeit beim Punkteverteilen für Pflicht und Kür bei vorbeiziehenden Trampern, ergötzen sie sich daran, den Wanderern genau dann vor die Füße zu springen, wenn gerade kein Fotoapparat zur Hand ist. Wahlweise gibt es eine eifersüchtig wachende Maori-Gottheit, die verhindert, dass Kiwis abgelichtet werden

Steve erklärte nachher, das sie nicht weg lief, läge daran, dass sie uns wahrscheinlich gar nicht bemerkt hätte: Kiwis wären nahezu stocktaub und halbblind hätten aber einen ausgezeichneten Geruchssinn.

Ich holte meinen Fotoapparat raus, packte ihn in eine Plastiktüte und steckte ihn in die Seitentasche meiner Hose, der nächste Kiwi war reif … natürlich hab ich auf dem Trip keinen mehr zu Gesicht bekommen.

Kurz nach der Kiwisichtung ging es den Berg runter, durch eine Sand-Felsen-Formation, die wirkte wie eine karge Mondlandschaft.

So erreichte ich also die Ostküste bei Wind und Regen. Auch das Meer sah ganz anders aus, als das auf den wetter-geschützten Nord- und Westseiten, es war/ist dort sehr viel stürmischer. Kein Wunder schließlich ist in Blickrichtung der nächste Stopp Argentinien.

Der Strand ist ca. zwei Kilometer lang und ich kam entsprechend gut voran, natürlich wußte ich, dass sich das noch ändern würde.

Zunächst ließ ich Rob und Steve weit hinter mir, schließlich ging es ja über eine Ebene, den Strand eben. Am Ende des Strandes schrieb ich ein „Last Exit to Hell…fire“ für sie in den Sand und machte mich auf in den Wald. Erst bleibt es noch flach, dann kam ich auch noch an einer waren Müllhalde vorbei, eine Schande in der sonst so unberührten Natur, keine Ahnung wie die dort hingekommen ist. Sah aus, wie ein verlassenes Kamp mit allem was man so zurücklassen kann. Dort verlor ich kurz den Weg aus den Augen und wusste nicht, wo ich langgehen sollte. Also wartete ich auf die beiden, wenn schon verlaufen, dann doch lieber gemeinsam. Das Verlaufen blieb aus und es ging endlich wieder den Berg rauf und am Hang wartete auch schon der seit der letzten Hütte vermisste Schlamm. Im Grunde alles wie immer, bis auf den heftigen Regen. Irgendwo auf der Strecke überholte mich der ältere Neuseeländer mit einem Tempo, dass ich fast vom Fahrtwind vom Weg abgekommen wäre. Rob taufte ihn bei einem unserer späteren Treffen Mr. Heart-Lung-Legs (Herz-Lunge-Beine), denn aus was anderen schien er nicht zu bestehen.

Auf der anderen Seite ging es wieder runter zu einem Strand und der war der Hammer! Der Wind pfiff so stark, dass es unmöglich war gerade aus zu gehen und dazu musste man zunächst über riesige Steine springen und am Ende über eine Barriere aus angeschwemmten Holz, die keinen besonders vertrauenserweckenden Eindruck machte. Am Ende wartete dann ein Fluss, den es zu überqueren galt: wieder ohne Brücke und dieses mal nicht nur noch einige hundert Meter bis zur Hütte, sondern ziemlich genau zu Halbzeit. Wieder hatte ich Wasser in den Schuhen, aber bei dem Wetter, war das ohnehin nicht zu verhindern. Ich schätze auf dieser nun folgenden Strecke habe ich die Grundlage für die Blasen geschaffen, die ich mir am nächsten Tag erlaufen sollte.

Nach dem Strand natürlich wieder Berg rauf, dieses mal richtig steil. Die 200 Höhenmeter macht man ich ca. 800m, danach geht es dann flach aber umso schlammiger weiter. Der Schlamm steigert sich bis zum letzten Kilometer immer mehr, eben jene letzten 1000m sind fast eine einzige Schlammpfütze ohne die gewohnten Unterbrechungen alle 20-80m. Ich überlegte ob es helfen würde, wenn ich mich ein wenig an den Rand des Weges setzten und weinen würde, mir war danach. Auf dieser Etappe bin ich echt an meine Grenzen gekommen und ich dachte nach den letzten Tagen schon, es könnte nicht mehr schlimmer kommen. Das einzige, was mich vorantrieb, war mein GPS: ich hatte die Koordinaten der Hütten vor beginn der Wanderung eingegeben und wusste, dass es nicht mehr weit war. Wenigstens regnete es nicht mehr so stark, gelegentlich hörte es sogar ganz auf.

Kurz vor der Hütte erreicht man den Hellfire Pass, eine Art Höhndruchbruch des Sandes ins Innenland hinein. Anders kann ich es nicht beschreiben. Auf 200m Höhe hat man plötzlich einen Sattel zwischen zwei Anhöhen, der mit Sand gefüllt ist. Von hier aus, hat man nochmals einen schönen Blick ins Innenland der Insel. Jener Gegend, in der es keine Wege aber viele Farnbäume gibt.

Kurz hinter dem Pass ist die Big Hellfire Hut. Ich war zwar nicht da, aber ich vermute, die Little Hellfire Hut ist das Plumsklo. Wie die vom DOC die Hütte hier oben aufgestellt bekommen haben, war mir schleierhaft: die müssen die Einzelteile mit dem Hubschrauber eingeflogen haben. Außer Steve, der zusammen mit Rob kurz nach mir eintraf, waren alle Kiwis schon da. Klar, sonst hätte ich sie ja überholen müssen.

Das neuseeländische Geschwisterpärchen erzählte, dass sie direkt vor dem Pass, also direkt nach dem 1000m Schlammbad erstmal eine Pause eingelegt hätten, um ihre Brote zu essen. Tja, 100m weiter hätten sie in der Hütte dabei wenigstens im Trockenen gesessen … ich bin also doch nicht der einzige Depp unterwegs.

Mr. Herz-Lunge-Beine war Holz organisieren (wahrscheinlich ist er dafür eben mal nach Half Moon Bay rüber) und wir machten es uns kuschelig warm. Die nassen Klamotten wurden auf einen Wäscheständer gehangen, den man an einem Seil zur Decke zieht, wie ihn jede Hütte hat, was dafür sorgte, dass das Kondenswasser die Fenster nur so runter lief. Nach dem Essen teilte ich meinen Whisky mit denen, die wollten und bekam von Steve dafür eine Tasse Heißen Kakao – instant mit heißem Wasser aufgefüllt und einem Schuss von dem dafür eigentlich viel zu teuren Whisky hinein: noch nie hat mir ein Kakao so gut geschmeckt.

Als ich ins Bett ging, legte ich mir wieder eine Wasser und ein Aspirin bereit, die ich wieder nicht gebraucht habe.

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