Kleiner Waldspaziergang mit abschließender Bootsfahrt

Schon als ich aufstand wusste ich es: „das ist nicht dein Tag”. Die Blasen direkt unter dem Fuß waren eine Qual und ließen mich barfuss nicht auftreten. Jedoch hegte ich die Hoffnung, dass ich in den Schuhen würde laufen können. Zunächst war jedoch Frühstück angesagt. Heute ließen wir es alle langsam angehen, außer den beiden Geschwistern die zwei Hütten weiter wollten, denn allen war klar: die nächste Etappe wird ein Spaziergang. Der Neuseeländischer auf Kiwi-Fotosafari, den wir am Vorabend in der Hütte getroffen hatten, bestätigte was alle anderen auch sagten, die die Tour schon kannten: die Etappe zwischen Mason Bay und Freshwater Landing ist ein „Tramping-Highway”. Die Etappe ist mit über 14km zwar eine der längsten des ganzen Trips aber es geht durchs Flachland. Da selbst den Stewart Isländern der Sumpf zu matschig ist, besteht der gesamte Weg über das Sumpfgebiet aus einem kilometerlangen Holzsteg. Danach geht es dann über einen Schotterweg der fast schon Alleen-Charakter hat. Nur die letzten paar hundert Meter sind dann wieder Matsch, aber selbst dem kann man hervorragend ausweichen. Nach allem was man durchgemacht hat, ist diese Etappe wirklich ein Spaziergang. Mit gesunden Füßen kann man sogar seinen aus Deutschland gewohnten Flachlandkilometerschnitt anlegen. Alles in allem dauert die Etappe dann ca. drei Stunden - Pausen mit eingerechnet.

Bevor es jedoch losging, versorgte ich zunächst mal meinen schlimmen, linken Fuß mit Blasenpflaster. Zunächst kam ich auch gut voran, diesmal spielte ich das Überholspiel zunächst nicht mit Rob und Steve, da die beiden erst nach mir losliefen, sondern mit den beiden Neuseeländerinnen aus dem Tramping Club. Irgendwann zog natürlich Herz-Lunge-Beine an mir vorbei. Genau genommen machten wir zusammen eine Pause wie schon am Vortag, als er mich überholte. Während wir redeten, riss er von einigen Büschen Blätter ab, zerrieb sie zwischen den Fingern und ließ mich riechen. Dann klärte er mich über die besondere Bewandniss der Sträucher auf, leider hab ich das wider vergessen, aber ich glaube es waren ziemlich starke Heilpflanzen. Nachdem ich den Holzsteg hinter mir hatte wurde es immer schlimmer mit dem Fuß. So gut die Pflaster sonst vielleicht auch helfen mögen, unter dem Fuß taugen sie definitiv nicht: da die Blase stark nässte (sie war wirklich verdammt groß), verhinderte sie, dass das Wundwasser abfließen konnte, was seinerseits den Druck erhöht. Auf der hälfte der Strecke setzte ich mich an den Wegrand und wechselte das Pflaster. Während ich da so saß, hörte ich etwas im Busch, wahrscheinlich einen Kiwi. Ich zückte meine Kamera und wartete auf ihn ... doch wie ich schon sagte, die Viecher wissen, wann man einen Fotoapparat in Griffweite hat, sie/er tauchte nicht auf.

Während ich so auf dem Boden saß und meine Wunde leckte, kamen natürlich Rob und Steve vorbei. Sie fragten, ob sie helfen könnten, aber mir war die Sache so schon peinlich genug. Auch wenn es eigentlich gar nicht peinlich ist. Nicht einer von unserer Gruppe ist ohne Blessuren davon gekommen, warum sich deswegen genieren. Aber so bin ich eben

Nach dem Wechsel ging es wieder einiger Maßen und ich erreichte die Hütte.

Die anderen waren schon beim Mittagessen während sie auf das Wassertaxi warteten, dass sie bestellt hatten. Ich machte zunächst meine Schuhe sauber und wandelte die lange in eine halblange Hose um, da es mittlerweile richtig heiß geworden war. Danach ging ich zu den anderen in die Hütte.

Als erstes viel die Dame, mit der ich bei Hellfire Pass die Auseinandersetzung wegen der nächtlichen Geräusche gehabt hatte (Schnarchen und „Rumbollern” mit dem Ofen). Die entschuldigte sich bestimmt fünf Minuten lang bei mir und erklärte mich in allen Punkten für unschuldig: Im Hüttenbuch von Freshwater Landing gab es einen Eintrag eines Belgiers, dass er die letzte Hütte (Mason Bay) überschlagen hätte und früh morgens um 5h Hellfire Pass verlassen habe, dass er am Abend zuvor erst mitten in der Nacht erreicht hätte. Eben jener fraglichen Nacht. Sie erklärte, dass er der Randale und Schnarchsack gewesen wäre und ich somit unschuldig in allen Punkten ... obwohl da nicht stand, dass er auch fürchterlich scharcht, aber das erwähnte ich lieber nicht und sonnte mich in meiner neu gefundenen Unschuld.

Ich machte mir mein Essen ... ein letztes Mal mit Wasser aufgefülltes Trockenfutter, denn ich hatte auf dem Weg beschlossen, dass ich mit den Füßen keinen Tag mehr laufen könnte, insbesondere nicht, wenn der Weg wieder schlechter würde. Einige behaupten die Strecke zwischen Freshwater Landing und North Arm Hut sei der schwierigste Teil des gesamten NWC. Die Aussage ist allerdings nicht unumstritten: auf der einen Seite behaupten die Einheimischen das ebenso wie einige Bücher und Artikel, auf der anderen Seite meinten sowohl die beiden Damen des Tramping Clubs, die die Strecke vor einigen Jahren gelaufen waren, wie später das Geschwisterpärchen, dass die Strecke zwar steil und matschig wäre, jedoch nicht schlimmer als das, was man hinter sich hat. Vielleicht stimmt aber, was jemand vermutete: dieser Teilabschnitt kann nach viel Regen nahezu unpassierbar werden - was die unterschiedlichen Aussagen erklären würde. Nach dem Essen verteilte ich den Rest des Whiskys, nahm eine Kerze, die ich in den Flaschenhals steckte, dadurch hatte ich einen Kerzenständer erschaffen und ließt keinen Müll zurück :roll: - eine übrigens nicht ungewöhnliche Variante von Kerzenständern entlang des Trails. Mit Herz-Lunge-Beine tauschte ich noch meine letzte unbenutzte Gas Kartusche gegen einen Satz Pflaster. Irgendwann gegen 16h kam dann das Wassertaxi den Fluss rauf. Es hatte zwei Jugendliche an Bord, die Ausstiegen und wir stiegen ein. Irgendwie fühlte ich mich schon wie ein Versager, den Trail nicht durchgehalten zu haben. Aber auch im Nachhinein bin ich mir sicher, dass die Entscheidung richtig war. Es hat auch so schon zwei Tage gedauert, bevor ich wieder längere Strecken laufen konnte und fast eine Woche, bevor ich nichts mehr spürte.

Die Fahrt mit dem Wassertaxi ist allerdings auch ein Erlebnis für sich. Den Freshwater runter zum Paterson Inlett durch den Regenwald an beiden Seiten ist eine Traumstrecke, die mir sonst entgangen wäre. Wie sagt/singt Edith Piaf noch: „Non, je ne regrette rien” (Nein, ich bereue nichts). Außerdem ist die Teilstrecke zwischen Halfmoon und Mason Bay ohnehin gemeinsamer Bestandteil des North- wie des South-West-Circuits und irgenwann werde ich mir den vornehmen

Zurück in Halfmoon Bay (Oban) trafen wir die Geschwister wieder. Sie waren den Tag von der North-Arm-Hut gekommen und vor uns eingetroffen. Noch bevor wir, Rob, Steve und ich, uns ein Zimmer suchte, setzten wir uns zu den beiden und noch einigen anderen Reisenden tranken das erste Bier nach Tagen und tauschten unsere Erfahrungen aus. Wir redeten über alles Mögliche und auch über die Dinge, die wir während der Reise nie zugegeben hätten. So fragte mich die Schwester, wie oft ich eigentlich in den Schlamm gestürzt wäre, sie wäre 11x und ihr Bruder 13x (oder war es öfter?) gefallen. Ich meinte nur, ich hätte schon nach dem ersten Mal mit dem zählen aufgehört.

Danach quartierten Steve, Rob und ich uns im Hotel ein, sie für einen, ich für vier Tage. Ich hatte beschlossen, dass ich noch einen Tag mit nichts tun, einen nach Ulva Island und einen zur freien Verfügung haben wollte. Für Christchurch hatte ich ohnehin noch zwei Tage eingeplant, danach wäre mein Urlaub zu Ende.

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