„Fuß, Ganja, Fuß”

1. Tag - 12.08.2006 von Marlay Park (Dublin) nach Glencree

Ok, nun ist es wohl offiziell: ich bin verflucht! Zumindest wenn es darum geht, mit jemand anderem zu wandern. Normalerweise findet sich ja in meinem Bekanntenkreis ohnehin niemand, der sich freiwillig darauf einlässt, längere Strecken als einen Sonntagsspaziergang zu Fuß zurück zu legen und das auch noch mehrere Tage hintereinander schon mal gar nicht. Zweimal ist es mir bislang gelungen, jemanden davon zu überzeugen, beide Male ist es dann doch schief gegangen. So auch dieses Mal:

Eric, ein Freund aus Schulzeiten, den ich schon öfters in Irland besucht hatte, war wild entschlossen mit mir zusammen den Wicklow Way zu laufen. Er hat sich extra einen Rucksack, Trekkingschuhe und ein einfaches Zelt zu gelegt und wir hatten uns auch erkundigt, ob seine Rottweilerhündin noch zu jung für eine solche Tour wäre - ist sie nicht. Alles schien perfekt ... zu perfekt ... diesmal war es keine neue Freundin zwei Wochen vor der Tour, wie damals bei meinem Wanderpartner in Schottland, diesmal war es ein neuer Job, den Eric kurzfristig gefunden hatte und der am Montag begann. Dem Montag der auf das Wochenende folgte, an dem wir los laufen wollten. - Warum müssen es auch immer so verdammt gute Gründe sein! - Ich sag ja, es ist ein Fluch.

Irland hatte ich bereits am Donnerstagabend erreicht. Den Freitag verbrachten wir mit Ausschlafen und den letzten Vorbereitungen, abends waren wir auf der Abschiedsparty einer ehemaligen Kollegin von Eric. Somit ging es erst am Samstag los. Eric wollte zumindest die ersten 1 ½ Tage mitkommen, bevor er sich auf den Heimweg machte, um am folgenden Morgen dann seinen neuen Job anzutreten.

Etwas verschlafen und verquollen kamen wir am Samstagvormittag nicht so richtig aus dem Quark, so dass wir den Marlay Park erst gegen 12h erreichten und nicht - wie eigentlich geplant - bereits um 10h. Aber das war nicht das einzige, was schief ging: eigentlich hatte ich noch Geld ziehen wollen, doch der einzige Automat, an dem wir angehalten haben, war außer Betrieb und Camping Gas haben wir „auf die Schnelle” auch keines mehr bekommen. Da wir nicht noch mehr Zeit verlieren wollten, zumal wir uns obendrein auf dem Weg von Bray zum Dubliner Marlay Park auch noch verfahren hatten beließen wir es dabei, und ich hoffte, Gas und Geld irgendwo entlang des Weges aufzutreiben.

Da der Marlay Park nicht gerade klein ist, wussten wir nicht, wo es konkret losging. Wir suchten uns also einen Parkplatz bei einem vielversprechen - weil großen - Eingang, schulterten unsere Rucksäcke und betraten den Park. Dort lief irgendeine Veranstaltung/Markt oder so was, auf jeden Fall war eine Menge los und auch Security stand überall rum. Einen von den Security Guards fragten wir, wo denn der Anfang des Wicklow Way wäre. Weiterhelfen konnte er uns jedoch nicht. Aber man kann ja nicht immer nur Pech haben, als ich mich umdrehte und in dieselbe Richtung blickte, wie der Wärter sah ich etwas, was eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem hatte, was ich auf Fotos als Anfangspunkt gesehen hatte.

Wir gingen hin und sieh, es war der Anfang: es gab eine Karte mit Erläuterungen und einen kleinen „Durchbruch”, die beide den Startpunkt markierten. Während wir uns noch die Erläuterungen durchlasen und für die Fotos posierten, kam ein Pärchen, ebenfalls mit Rucksäcken, das den Durchbruch passierte. Offensichtlich waren wir nicht die einzigen, die erst so spät los kamen. Erfreulich war, dass die Erläuterung auf dem Schild uns erlaubte auch wild zu zelten. Wir hätten es wahrscheinlich ohnehin getan, aber so wenigstens mit gutem Gewissen. Es gab zwar eine Reihe Einschränkungen bzgl. Jahreszeiten und Privatgrundstücken, aber grundsätzlich war es erlaubt.

Zunächst ging der Weg durch den Marlay Park, die Strecke war schön eben und gut zum warm werden. Nach zwei Kilometern verließen wir den Marlay Park und es ging ca. einen Kilometer weit und 100m hoch eine Straße entlang bevor der Weg an einem Parkplatz links ab auf einen Waldweg führt. Am Parkplatz machten wir unsere erste Pause. Mir war da ja noch etwa zu früh, aber Eric hatte bereits vorher gesagt, dass er gerne sehr früh die erste Pause mache.

Nach der Pause ging es weiter den Berg rauf. So langsam gewöhnte ich mich an das „Fuß ... Fuß ... Fuß”. Frei laufen lassen konnten wir Eric’s Rottweiler Hünding, Ganja, nicht, da die Dublin Maintains sonntags insbesondere bei gutem Wetter ein beliebte Ausflugsziel ist. Und Ganja ist mit ihrem guten Jahr noch nicht so weit erzogen, dass sie immer hört und auch auf Dauer Fuß geht, obwohl ich alles in allem von ihrer Erziehung beeindruckt war. Ich schätze, spätestens nächstes Jahr wäre das wohl möglich, wenn sie weiter so gut lernt.

Nach weiteren drei Kilometern hätten wir die Abzweigung fast verpasst, es ging recht einen versteckten, steilen und steinigen Pfad rauf. Wir machten noch eine kurze Pause, um uns vor dem Aufstieg zu stärken als ein Fahrradfahrer den Hang runterkam - hübsches Kerlchen. Wir unterhielten uns kurz, er kam aus Polen uns arbeitete in Dublin; Fahrradfahren war seine bevorzugte Freizeitbeschäftigung und er zeigte uns eine Aufnahme auf seiner Digicam von irgendwelchen Tieren, die er kurz zuvor gesehen hat. Ehrlich gestanden habe ich auf der verwackelten Aufnahme nix erkannt, aber zeigte mich trotzdem beeindruckt - man will ja höflich sein.

Der Aufstieg war vergleichsweise kurz und so kamen wir am höchsten Tourpunkt des Tages an, bei 500m. Danach ging es erstmal vergleichsweise eben über den Bergrücken durch eine Heidelandschaft. Als es dann später wieder runter zum Glencullen River ging, nutzen wir die Gelegenheit eine Tasse Tee und Suppe zu kochen, bevor es wieder eine kurze Stecke über die Straße ging.

Nach der Pause ließ ich Eric und Ganja eine zeitlang hinter mir zurück und setzte mich ab, erst am Glencullen selbst wartete ich. Vor mir sah ich zwei Wanderer, von denen ich vermutete, dass es die beiden vom Marlay Park waren. Jedoch wollte ich mich nicht zu sehr absetzten, so dass ich den Ehrgeiz sie einzuholen unterdrückte.

Vom Fluss aus ging es wieder den Berg rauf, viel durch Heide und Wald, zum Teil konnte man den Torf sehen, wo der Weg aus dem Berg „geschnitten „ war. Ich lief hier zumeist mir Eric zusammen. Dabei fiel mir auf, dass er jedes mal, wenn er das Kommando „Fuß” gab und Ganja zurück auf Position brachte zwei Schritte langsamer ging - was er jedoch vehement bestritt, na ja, wahrscheinlich ging ich dann immer zwei Schritte schneller um aufzuschließen. Vielleicht war ich ja in meinem letzten Leben ein Hund und reagiere instinktiv auf den Befehl.

Nachdem wir auf dem Prince William’s Seat auch den höchsten Wegpunkt überschritten hatten, ging es durch eine riesige gerodete Fläche wieder den Berg runter und wir erreichten durch ein Feld voller Farne den Glencree River. Der lag wirklich malerisch in der „Schlucht” und rauschte beruhigend vor sich hin. Der Weg entlang des Flusses kam immer wieder an kleinen Lichtungen aus Gras vorbei, so dass wir beschlossen eine dieser Lichtungen zum Zeltplatz zu erklären.

Nach rund 21 km haben wir also unsere Zelte aufgeschlagen, wobei ich den Anfang machte. Eric zeigte sich schwer beeindruckt von der Geschwindigkeit mit der ich meines aufbaute, was wohl weniger an mir lag, als daran, dass mein Zeltsystem wohl doch etwas durchdachter ist, als sein Lidl-Zelt.

Anschließend wandte ich mich dem Fluss zu und filterte unser Wasser für’s Abendessen. Mit der Zuwendung zum Fluss war ich nicht allen. Entgegen meiner Erwartung, dass Ganja als noch vergleichsweise junge Hündin völlig erschöpft sein würde, lag ich nämlich völlig daneben. Sie turnte durch den Fluss und die gegenüberliegende Böschung hinauf, als wären wir gerade erst losgegangen.

Hatte ich mich um das Wasser gekümmert, so kümmerte sich Eric nun um das Kochen, es gab Brot und Tortelinis. Ach ja, und jede Menge Zedan, nicht zum Essen natürlich sondern als Abwehr gegen die Hundertschaften winzig kleiner Mücken, die uns umschwirrten. Man kann gegen das Zeug ja sagen, was man will, insbesondere, dass man danach stinkt, als wäre man eine Zeder mit Transpirationsproblemen, aber helfen tut’s.

Kurz nach dem Essen sind wir dann auch in unsere Schlafsäcke gekrochen und es wurde auch schon dunkel, so dass ich es gerade mal noch so schaffte, eine Seite Tagebuch zu schreiben bevor ich aufgab und mich auch dem Schlafen zuwendete.

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